Social Networks zwischen Freiheit und Kontrolle

Wenn über Social Networks oder persönliche Profile im Internet gesprochen und geschrieben wird, ist die finsterste Ecke ihrer dunklen Seite die ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten.‘ So eine Sammlung löst Begehrlichkeiten aus, stellt einen strukturellen Machtfaktor und einen Geldwert dar. Doch ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten‘ ist nicht etwas, das die Nutzerin von Social Networks zwangsläufig in Kauf nehmen muss. Datenzentralismus ist ein – von manchen Menschen erwünschtes – Nebenprodukt monopolistischer und kapitalistischer Strukturen. Wer gerne sicher stellen will, ‚den Markt‘ zu führen oder zu beherrschen, wer der ‚Einzige‘, ‚Wichtigste‘, ‚Beste‘, ‚Größte‘ sein muss, wer mit einer Idee schnell viel Geld verdienen will, … dem bleibt als kürzester Weg nur die Erzeugung struktureller Macht. So schaut die gelebte Perspektive von Netzwerkbetreibern – und nicht von Nutzern/Usern aus. Nutzer kümmert es meist wenig, dass ihre Daten zentral zusammen mit den Daten der anderer User gespeichert werden. Sie interessieren sich in der Regel nicht für die Strukturen dahinter, sondern nur für die Benutzeroberfläche. Ursprung des Internets ist die strukturellen Vorgabe, dass Computer in unterschiedlichsten Teilen der Welt miteinander vernetzt sind. Das schafft einen Freiraum, einen schier unkontrollierbaren Kommunikationsfluss. Dieser Freiheitsfaktor macht Diktaturen Sorgen. Das große Unbehagen, welches Freiräume für Kontrollfreaks bedeuten ist auch ein Grund dafür, dass manche Menschen immer über Kinderpornoringe sprechen müssen, wenn es um Kommunikationsfreiheit im Internet geht. Um Kontrolle herzustellen, werden Filtersysteme eingekauft (z.B. in China1 , Qatar2, Oman2, Saudi Arabien2, Kuwait2, Yemen2, Sudan2, Tunesien2) und es werden Möglichkeiten erarbeitet, Teile des Internets abzuschalten (z.B. in Ägypten3, Deutschland4). Wer ein Social Network benutzt, möchte AUCH gerne Kontrolle, allerdings die Kontrolle in den eigenen Händen. Eine autonome Sicherheit die Fotos, Geschichten, Daten beim Profil nur mit den Menschen zu teilen mit denen geteilt werden will. Und User möchten natürlich das Eigentum an ihren Fotos und Geschichten nicht automatisch abgeben müssen. Die Tatsache, dass ein ‚großer Bruder, Papa oder Mama‘ ständig über die Schulter schaut und ’schon dafür sorgt, dass nichts passiert‘ ist für die Benutzeroberfläche nicht gerade sexy.
Ob die großen Brüder dabei als Netzwerkbetreiber das Etikett ‚Jetzt noch sicherer!‘ an ihr Produkt kleben, oder als Fachleute mit Regierungsauftrag Rechtsgüter gegen Wirtschaftsnutzen abwägen, ist dabei beinahe egal.
Auf Grund der beschriebenen Grundstruktur des Internet als Vernetzung vieler unabhängiger Computer, existiert seit der ersten Stunde die Möglichkeit, direkt, d.h. ohne Datensammlung und Zentralismus zu kommunizieren. Eine alternative, weil selbstverantwortliche Benutzeroberfläche für Social Network Fans ist mittlerweile auch auf dem ‚Markt‘ angekommen. Diaspora5 nennt sich das Social Network, an dem vier New Yorker Studenten, Ilya Zhitomirskiy, Dan Grippi, Max Salzberg und Raphael Sofaerxyz, seit 2008 gearbeitet haben und bei dem User/Seeds das übliche Profil anlegen, Fotos veröffentlichen sowie Twitter- und Flickr-Vernetzungen nutzen können. Der Unterschied zu Facebook: Die Daten liegen nicht auf zentralen Computern. Wer immer möchte kann seinen Computer auch als Arbeitsraum, als Freiraum für Kommunikation, mit einbringen. Kein Zentralismus, dem Datensammeln sind Grenzen gesetzt, Selbstkontrolle und Eigentumsrechte der Profil-AutorINNen sind besser gewährleistet.
Dies soll kein Werbetext für Diaspora sein. Ich möchte auch kein Argument dafür liefern, noch mehr Profile im Internet anzulegen. Mir geht es um einen Blick auf Strukturen, auf Freiheit und Kontrolle. Dass zentralisiertes Datensammeln das wirtschaftliche Arbeitsfeld nicht allein von Netzwerkbetreibern, sondern auch z.B. von Suchmaschinen (Google) darstellt, ist eine andere Geschichte.

Fußnoten:
[1In China gilt ab 1.Juli 2009 verpflichtende Filtersoftware für Privat-PCs; „Harmonie als Synonym für Zensur“, taz 26.06.2009]
[2 „West Censoring East: The Use of Western Technologies by Middle East Censors, 2010-2011“ von Helmi Noman und Jillian C. York für die OpenNet Initiative April 2011 >http://opennet.net/west-censoring-east-the-use-western-technologies-middle-east-censors-2010-2011<%5D
[3„Wie Ägypten aus dem Internet verschwand“ Matthias Kremp in Spiegel online 28.01.2011 >http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik<%5D
[4 Zugangserschwerung-Gesetz Entwurf des Bundeskabinetts vom 22. April 2009]
[5 http://www.joindiaspora.com%5D

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