Archiv für Diaspora

41.000 Vorzugsstimmen

Posted in Miettext with tags , on 14. Juli 2019 by Nikkolo Feuermacher

Stolz

41.000 Vorzugsstimmen
um einen Mann gezielt ins Europaparlament zu wählen – wo er „eigentlich“ gar nicht hinwollte.

41.000 ÖsterreicherINNEN zeigen in einem transparenten, demokratischen Prozess, dass sie sich für einen Mann begeistern. Einen Mann, der wenige Tage vor der Wahl frisch nachgewiesen hat bestechlich, skrupellos und frei jeder Moral zu sein. Einen Mann, der demokratische Prozesse für sich nutzt um damit demokratische Prozesse zu verhindern (z.B. Verhinderung des Wahlrechts für EuropäerINNEN in Wien).

Einen Mann, der für sich als Vizekanzler ein „Fairnessministerium“ bastelte, fussend auf dem Prinzip „fair ist was MIR nutzt„. „Erbschaftssteuer ist unfair.“
Der Mann mit den Vorzugsstimmen wird nicht der erste österreichische Politiker im europäischen Parlament sein, der sich Oligarchen und Konzerninteressen anbietet. In Brüssel wird viel Geld umgeschlagen um europaweit Einfluss auf Gesetze und Regelungen zu nehmen. Die Nachfrage nach käuflichen Abgeordneten ist ungebrochen. Der Mann, der eigentlich nicht nach Brüssel wollte, hat sich durch sein Ibiza-Video (das sicherlich weltweit gesehen wurde) als Fachmann qualifiziert und ausgewiesen. Wohin hätte er nach seinem Rücktritt in Österreich auch gehen können? Wo würde so einer gebraucht?

mig-ration

Posted in Miettext with tags on 7. November 2018 by Nikkolo Feuermacher

i am from ostrichDass Menschen sich bewegen ist natürlich. Seitdem es sie gibt bewegen sie sich über die Erde. Ohne Migration würde es keine Vereinigten Staaten von Amerika geben, keines der Länder in Südamerika und sicherlich auch keinen Staat der sich Ostrich nennen kann.

Wieso wird etwas so alltägliches wie die Bewegung von Menschen zum Thema?
Weil es irgend etwas braucht um von den Themen abzulenken, die uns direkt vor Augen stehen und die unser Leben wirklich beeinträchtigen: Hier wird nicht gerecht geteilt ! ?

Aber bleiben wir bei der Migration. Menschen verlassen das Land in dem sie vorher waren. Dazu müssen wir nicht einmal unbedingt über das Mittelmeer. Zum Beispiel Ungarn: die Demokratie ist weitgehend abgebaut, wer nicht in Perspektivlosigkeit und Depression zurückbleiben möchte verlässt das Land. Wer durch Wien geht, wer in Basel am Bahnhof aussteigt – und anderswo – hört sie sprechen, die UngarINNen die ihr Land verlassen haben. Sie sind nicht auf Urlaub, sie arbeiten.

Sie kommen in Länder, die NICHTS in ihre Ausbildung investiert haben und die SOFORT an ihnen verdienen: über ihre Arbeit, ihre Steuern, ihr nachbarschaftliches und gesellschaftliches Engagement, über ihr Einkaufen, ihre Mieten, ihre Ideen, ihren Humor und ihre Energie.

Warum sind die Vereinigten Staaten von Amerika nach dem zweiten Weltkrieg technisch, kulturell (Filme, Pop-Musik, Fernsehen), intellektuell (neue Therapieformen, wissenschaftliche Forschung), menschlich (UNO-Sitz) so erfolgreich? Weil alle frei denkenden KünstlerINNEN, Intellektuelle, kreative VordenkerINNEN, … das Europa unter der Vorherrschaft der Faschisten verlassen haben und dorthin migriert sind. Wer gescheit genug war (und ein Glück hatte) ging in die USA. Selbst die Folter- und Waffen-Spitzentechniker sind nach dem zweiten Weltkrieg in die USA migriert.

Wer ist in Europa übrig geblieben nach Krieg, Faschismus und Flucht? Wer ein wenig anders war und nicht weglaufen konnte wurde im Reich umgebracht (Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Sinti, Roma, Gehörlose, EpileptikerINNEN, Zeugen Jehovas, Christen, Juden, …). Um im Reich zu überleben war es wichtig angepasst, opportunistisch, gedankenlos, mitlaufend zu sein; und voller Hass auf andere Menschen.
WENN es so etwas gäbe wie eine kulturelle Tradition, wenn sich Menschen nicht ständig verändern könnten und dauernd die Richtung wechseln, DANN wäre ein friedliches Leben in Europa nach zwei Weltkriegen unmöglich, ja undenkbar. Wer sollte auf so eine fremde Idee kommen?
Das einzige was Europa helfen könnte wäre eine massive Einwanderung von Menschen, die nicht Nachkommen von Faschisten sind. Wenn jetzt viele sagen: „ABER MEINE Eltern und Grosseltern waren ja eigentlich im Widerstand und haben trotzdem irgendwie überlebt.“ Dann demonstriert das perfekt wie gut das Lügen im Faschismus eingeübt wurde. Lügen als alles entscheidende Überlebensstrategie im Reich.

Wer möchte in einem Land leben um das ein Zaun gebaut wird? Wer möchte mit LügnerINNEn und übrig gebliebenen, gewaltbereiten FaschistINNen in einem Gehege eingesperrt sein? Niemand. Verlassen deshalb so viele Menschen Ungarn? Sind deshalb so viele Menschen aus südamerikanischen Ländern in die USA unterwegs? Werden Menschen nicht in demokratische Länder gesaugt, sondern gedrückt?

Aber EHRLICH geschrieben: es gibt keine kulturelle Tradition, es gibt keine Nationen (ausser in unserer ungesunden Fantasie) und Menschen gehen nicht nur ununterbrochen auf der Erde herum, sondern sie ändern auch ununterbrochen ihre Meinung, Werte und ihr Selbstverständnis.

Wer von uns hat sich den Ort seiner/ihrer Geburt ausgesucht?
Wer von uns hat entschieden welche Sprache sie/er zuerst lernt?
Wer von uns hat gewählt ob er/sie in eine arme oder reiche Familie geboren wird?
Wer von uns hat entschieden ob sie/er Frau oder Mann sein wird – zumindest bei der Geburt?
Wer hat sich die Hautfarbe zur Geburt ausgewählt?
Wer hat sich ausgesucht wie er/sie heisst?
Natürlich niemand.
Denn wir waren ja alle nur Kinder.

Um gesund zu bleiben oder zu werden, brauchen wir eine gute Mischung. Eine gute Mischung von Nahrung, die wir zu uns nehmen. Eine gute Mischung von Eindrücken und Meinungen, von unterschiedlichen Bewegungen, von Licht und Schatten, von Farben und Tönen.
Was geschieht wenn eine Menschengruppe über lange Zeit exklusiv untereinander heiratet hat der europäische Adel brilliant vorgeführt. Es ist auf jeden Fall ungesund.
Und da muss ich in diesem Text die Richtung ändern und mir selbst widersprechen: Migration ist ein wichtiges Thema und wird es immer sein. Es ist wichtig, dass wir für die gute Mischung und für die offene, lebendige, gesunde Bewegung sorgen.

doppelköpfiger ostrich

Doppelköpfiger Ostrich

Herein mit den Fremden. Wer keineN FremdeN in seiner Nachbarschaft, seiner Familie, seinem Haus, seinem Arbeitsplatz, … hat – kann nicht mitreden und sollte aufmerksam schweigen bis die gute Mischung auch sie/ihn erreicht hat.

Grillmaster gegen Rechts

Posted in Miettext with tags , on 5. März 2018 by Nikkolo Feuermacher

Grillmaster gegen Rechts, alle Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018Protokoll der Gründungsversammlung der „Grillmaster gegen Rechts“ am 7. März 2018

Peter*, Paul, Steffl und der Bert sitzen im Nebenzimmer eines Kaffeehauses am Stubenring.

Peter: Jetzt samer schon a viertel Stund über der Zeit, pack mers an.
Paul: Cum Tempore. Die Akademiker ham ihr Chancen ghabt.
Steffl: Da Ernstl und da Sigi komman af jeden Foi no. Moment – da Sigi schreibt mir grad afs Telefon, dass sei Oide ihn noch länger braucht. Mir solln ihm halt ausrichten was woa. Er warad af jeden Foi dabei – schreibter.
Peter: Ihr habts doch bestimmt alle scho von die Omas gegen Rechts ghört. I habs euch eh im meim Mailing gschriebn: Mia Opas miasaten a was geng Rechts tuan.
Paul: Moment, moment mit denen Opa – ich hob goa kane Kinda, da kanni oiso ka Opa …
Peter: Di Omas gegen Rechts ham ganz gloa a net ole zwingand Kinda oda Enkl vo da eigenen Genbrut, des warat ois wemma des Mutterkraiz vorleng miasat, …
Bertl: Es is nix verkehrts dron, wemma Kinda hot.
Peter: Natirli. Oba Hauptsach: Mia engagiern uns politisch. Di Omas hamscho ongfangan, …
Bertl: Ma muas ned ois doa was d’Oma duat …
Peter: Lass mi redn Oida!
Paul: Mia miassadn a Politisches Engagement zeign – in Zeiten wie diesen. Es san Lait am Pouvoir, die mi an di Zeit vo meine Opa derinnern. Des fallt uns aufn Schedl. Mir sand hait do um a Initiative geng Rechts zu starten. No samma klein an Zoi, oba mia wern täglich mehr Besorgte, Belogne, Betrogne.
Bertl: Politisch passt. Oba hammia uns verstandn das des geng Rechts sai muas? Du redsd grad vo deim Opa – da meinige hat mer derzöhlt: ba der Hitlerjugend woas ned so verkehrt – di Lagerfaier warn urlaiwand.
Peter: Bert, hoit de Bapn oda schlaich di.
Bert schweigt.
Paul: Di unserige Initiative soi so fui Lait zamabringan wias na geht. Wann des a boa mea san wia bade Omas warads ned vakehrt.
Steffl: Da Ernstl schreibt ma, dasser vo seina Frau a rote Haubm gstrickt kriagt hod un liaba mit ihra zammen af di Demos gäht. Sei Frau hat eam gsagt: wanna si hoibwegs gut rasiert, fallta unta de Omas eh ned auf. Den sengma nimma.
Paul: Menna hoids zamman – mia gründen edzd di UNSERIGE Initiative. Hoid ohne eam. Mia sand immano fimpfe – midm Sigi. I schlog vua: Opas …
Bertl: I hau mi übad Stieng.
Peter: Schlog wos bessas vua.
Bertl: Autofahrer – vo miaus gegen Rechts. Da fühln se viele ogsprochn und na machens mid.
Paul: Autofahrer is ma zu Wischiwaschi.
Steffl: Da Sigi sogt Heimwerker gegen Rechts warad urlaiwand. Des gspiert se richtig on, da sand urvüle angsprochen und dabei. Und mia zeign ganz kloa: Heimwerker sand kane Dodeln, oba urpraktisch, engagiert, politisch, a Bewegung.
Peter: I sogat Grillmaster gegen Rechts?
Bertl: Da warad I glai dabei, des erinnat mi an Faia und es is urgmiatli.
Steffl: I muas üba de Foida, af mi woad nu wer. Grillmaster gegen Rechts passd – is edza suppa Arbeitstitel.
Paul: Urguad kannimia des vorstön: olle Grillmaster gegen Rechts mitam erhobenen roten Grillhandschuh af der Demo. Des haut uns fire. Da bleibt de Omas di Bapn offn.
Peter: Guat, i schreib denen Omas schonamoi, dass mera was machn. Ned dasd glaubn mir Opas waradn senil.
Bertl: Opas gegen Rechts warad blos a Kopie gwesn – a grindige – da hättemi scheniert. Grillmaster gegen Rechts hot wos aigenes, i sehmia scho voam geistigen Auge den unsrigen Block formiern af der Demo.
Peter: I schreib nu des Protokoi und schicks aich zuawe.
Paul: Mir is a Grafiker bekannt, der weat uns wos mochn.
Steffl ist schon gegangen.
Bertl: Habe die Ehre.

*Alle Namen geändert, Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Heimwerker gegen Rechts, alle Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018Autofahrer gegen Rechts, alle Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018

Wir schaffen Feudalismus

Posted in Miettext with tags , , on 20. Februar 2018 by Nikkolo Feuermacher

imperiale lebensweise wird in wien 2018 wieder gross geschrieben.

Was ist Feudalismus? Eine Gesellschaftsordnung in der Menschen nach ihrer Geburt (Wer ist der Vater? ist die alles entscheidende Frage.) eingeordnet werden: in reiche und arme, arbeitende und nicht arbeitende, Geld ausgebende und bettelnde. Sie wirkt auf den ersten Blick stabil und erprobt. Allerdings zeigt uns die Geschichte, dass Kompetenz, gute Ideen, Innovation, Kreativität, Menschlichkeit usw. nicht gut auf so einem Nährboden wachsen.
Beispiel: Auf einem Tisch liegen zwölf Kekse, am Tisch sitzen drei Personen. Im Feudalismus nimmt sich eine Person neun Kekse und sagt zu seinem Nachbarn: „Pass auf, dass Dir der andere nicht Deinen zweiten Keks wegnimmt.“ Von der einen Ungerechtigkeit wird durch eine andere abgelenkt. UND: derjenige der sich neun Kekse nimmt, bekommt deshalb (weil er das aus seinem Recht auf neun Kekse ableitet) besseren Zugang zu Schulen und Ausbildungsstellen, zahlt weniger für seinen Wohnraum, bekommt günstigere Kredite, bessere Krankenversorgung, zahlt weniger Steuern, erhält kostenlos mehr öffentlichen Raum zur Verfügung und redet bei Entscheidungen lauter mit. Wenn jemand zu ihm sagt: „Es ist ungerecht, dass Du neun Kekse bekommst und ich nur einen.“ Antwortet er im freundlichsten Fall: „Dann setze ich mich zu anderen zwei Leuten an den Tisch, die mir elf gönnen und sich jeweils um ihren halben Keks streiten.“ Leider geht das als Antwort durch.
Das ist Feudalismus. Dass wir in einer solchen Gesellschaftsform leben, damit müssen alle einverstanden sein. Und scheinbar sind sie das, denn auf demokratischem Weg wurden genau die Parteien gewählt, die es der Person mit den neun Keksen recht machen.

Wer hier einwendet: „Aber das beschriebene ist doch nicht Österreich, wir leben doch in einer Leistungsgesellschaft, wo nach Leistung bezahlt wird und nicht nach Geburt.“ sollte ein wenig nachdenken. Sicherlich ist es richtig, dass ständig Wettbewerbe stattfinden: um den ersten Platz an der Supermarktkassa, um die Pool-Position an der Ampel usw. Aber Leistung wirkt sich nicht darauf aus ob man bequem lebt oder unbequem. Zum Beispiel bekommt ein Anlageberater bei einer Bank viel Geld bezahlt – ob er nun schlecht oder gut berät spielt keine Rolle. Dagegen bekommt eine Kinderbetreuerin wenig Geld bezahlt – egal ob sie viel Engagement bringt oder weniger. Leistung spielt wirklich keine Rolle.
Wer in eine Familie geboren ist, in der viel Besitz gesammelt wurde, wird viel Geld ausgeben können, egal ob er jemals eine Leistung erbringt. Wer in eine Familie geboren wurde in der kein Besitz gesammelt werden konnte, wird nicht viel Geld ausgeben können, egal wie er/sie sich anstrengt. Da gibt es sicherlich einen kleinen Spielraum, aber der ist nur Teil des Wettbewerb-Spiels um Druck zu erzeugen und das Nachdenken zu verhindern, aber er ist nicht wirklich verändernd. Es wird allen erzählt: „Du kannst reich werden!“, „Du bist eigentlich reich, denn Du hast etwas zu verlieren (an diejenigen, die nur einen halben Keks haben)!“ Aber die Leistungsgeschichte ist nachweislich eine Lüge (siehe Literaturliste* unten).
Beispiel: Wenn ich arbeite wird mein Verdienst mit 50% besteuert, wenn ich Handel treibe mit 20%, wenn ich Geld erbe mit 0%. Einnahmen aus Besitz wachsen in den letzten Jahrzehnten wieder schneller als Einnahmen aus Arbeit.*
Die österreichische Gesellschaft hat als Verabredung: dass sich die Menschen im Land über das Wählen von Parteien darüber einigen wie in der Gesellschaft Gerechtigkeit hergestellt wird. So schaffen es so viele Menschen gemeinsam an einem Ort zu leben, friedlich, vertrauensvoll und freundlich miteinander umzugehen.

Wie ist die Stimmung in einer Dreier-Gruppe in der eineR neun, eineR zwei und eineR einen Keks bekommt? Unfreundlich, unsolidarisch und zunehmend aggressiv. Eine Gesellschaft ist dann friedlich, wenn IN ihr Frieden herrscht und nicht dann wenn viel Polizei patroulliert, überall Kameras hängen und die Gefängnisse voll sind.
Ein Land wie die USA (aus mir unerklärlichen Gründen oft als Beispiel für ein gutes Land genannt, weshalb ich es hier überhaupt erwähne) hat Standards in der Keksverteilung, dem Umgang mit Menschenrechten, der Krankenversorgung, dem Bildungs- und Rechtssystem, dass es lange im Anwärterstatus warten müsste ehe ernsthaft darüber gesprochen würde ob es in die Europäische Union aufgenommen werden könnte. So niedrig sind die Standards dort. Wer Österreich mit den USA vergleicht, will auf jeden Fall die Standards in Österreich senken und die Kekse noch ungerechter verteilen.

Wer 2017 die Wahlplakate in Österreich gelesen hat wusste: es geh um die effektive Zunahme der Ungerechtigkeit in der Keksverteilung „jetzt oder nie“ und ein klares JA zum Feudalismus „Erbschaftssteuer ist unfair“.
Wenn es in Österreich feudaler wird: also wenige Menschen immer reicher werden ohne etwas dafür tun zu müssen – und viele Menschen immer ärmer ohne etwas dagegen tun zu können, dann wird es auch aggressiver. Die Gewalt wird zunehmen, die Aggression sich vergrössern (Hassprediger helfen dabei), mehr Menschen werden verletzt werden. Und die Gefahr verletzt zu werden nimmt für ALLE Menschen in der Gesellschaft zu. Aus dieser Gefahr kann man sich nicht freikaufen.

Feudaler Lebensstil oder Imperial Living sind für ALLE dumm und gefährlich. Also: bitte sofort ändern.

*Literaturliste (zum üÜberprüfen der Aussagen):

  • Handbuch Reichtum, Nikolaus Dimmel, Julia Hofmann, Martin Schenk, Martin Schürz (Hrsg.), Innsbruck 2017
  • Das Kapital im 21. Jahrhundert, Thomas Piketty, München 2014
  • Wie Reiche denken und lenken, Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schillinger, Zürich 2010
  • Wir Erben, Julia Friedrichs, Berlin 2015

Diese Bücher gibt es kostengünstig auszuleihen in öffentlichen Bibliotheken.

Gier als Menschenrecht

Posted in Miettext with tags on 8. März 2016 by Nikkolo Feuermacher

Ich beginne gleich mit der Antwort: Nein, es existiert nicht. So oft man die Charta der universellen Menschenrechte auch hin und her übersetzt und durchliest: das Menschenrecht auf Gier steht nicht drin.
Wie kommt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dazu ein Urteil in der Frage der Entschädigung von Aktionären in Russland zu fällen?
Weil das Recht auf einen fairen Prozess ein universelles Menschenrecht ist. Könnte zur Begründung angeführt werden. Und die Haare an denen dieses Recht herbeigezogen wird würden schmerzen.
Die Rechtslage für Menschen in Notsituationen und/oder Bedrohung wurde durch
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2015 nachhaltig verschlechtert. Grund dafür ist die Annahme einer Klage von Aktionären, die sich ungerecht enteignet fühlen. Aktionäre (so fern sie überhaupt als Menschen und nicht als Banken, Versicherungen oder Fonds existieren) sind durch eine Enteignung nicht bedroht oder in einer existenziellen Notsituation. Sie fühlen sich in der Regel auch nach einer Entschädigung immer noch ungerecht behandelt, denn sie hatten auf jeden Fall grössere Gewinne erwartet. Sonst hätten sie die Aktien nicht gekauft.
Wer Russland in der Zeit des freien Währungsverfalls auf 2.000.000.000 Euro Entschädigungszahlung an Aktionäre verpflichtet, macht sich als Menschengerichtshof ethisch unglaubwürdig. Und wer sich ethisch unglaubwürdig macht, dessen Urteile werden in Frage gestellt. So geschehen durch das Urteil des (ethisch ebenso fragwürdigen) Russichen Verfassungsgerichts in St.Petersburg im Juli 2015. Während die Aktionäre weltweit weiter jammern und nichts geschieht, ist durch die Entscheidung des Verfassungsgerichts in St. Petersburg eine Rechtslücke entstanden, die Menschen in eine schlechtere Situation bringt als vorher. Entführung, Folter, Mord sind Verbrechen vor denen sie weniger gut geschützt sind.
Wieso hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Verantwortung auf sich geladen? Um sich als Variante zum Schiedsgericht à la ISDS anzudienen? Um sich bei Aktionären beliebt zu machen? Um die Rechte und Pflichten von Menschen zu verwischen und sie mit denen von Staaten, Organisation, Unternehmen gleich zu setzen (wie beim absurden Vergleich von Staatsschulden mit den 5 Euro, die mir meine Nachbarin schuldet)? Wäre letzteres der Fall, dann wäre der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte auf dem Weg eine kriminelle Vereinigung zu werden. Aber wer kann uns eine Antwort auf diese komplexen Fragen gehen? Ein Gerichtshof?

Das Mausoleum von Karl dem Grossen in Karlsruhe

Posted in Miettext with tags , on 2. Dezember 2015 by Nikkolo Feuermacher

Wer heute in Karlsruhe auf den Hauptbahnhof im Süden der Stadt zugeht, erhält ein schwaches Bild des Mausoleums, dem die Stadt ihren Namen verdankt. Die grosse, glänzende Fläche, die sich über den Köpfen der Menschen wölbt (nach Plänen August Stürzenackers), deutet auf einer reduzierten Fläche das Ausmass der Grabstätte Karls des Grossen an. Eine Erinnerungsstätte, ähnlich jener der politischer Grössen der Neuzeit wie Mao oder Lenin.

Karl (747 – 814 AD), später Karl der Erste, Charlemagne oder ab 1000 auch „der Grosse“ genannt, war eine politische Größe. In seiner Zeit und weit darüber hinaus Impuls und Vorbild. Durch sein politisches Geschick gelingt es ihm, weite Bereiche des heutigen Europa zu kontrollieren.
Mittels Kriegen versucht er, u.a. die Sachsen zum Christentum zu zwingen (772 – 804), was ihm die Anerkennung und Unterstützung der christlichen Kirche sichert. So krönt ihn Papst Leo der Dritte Weihnachten 800 zum ersten Kaiser seit der Antike.
Er beendet die Selbständigkeit Bayerns (788), und legt mit seinem Markensystem (seit 774) u.a. die Grundidee des Dubliner Übereinkommens der Europäischen Union (1997 ).
Ehe er 814 an einer Blinddarmentzündung stirbt (in manchen Quellen wird eine Vergiftung erwähnt), hat er bereits 786 den Grundstein seines Mausoleums Karls-Ruhe gelegt. Für sein Unternehmen stellt ihm Harun-ar-Raschid (Abbasiden / ‏العبّاسي‎ / al-‘Abbāsīyūn – Kalif, 786 – 809), bewährte Baumeister und Handwerker zur Vergügung, die beim Bau von Bagdad (ab 762) entsprechende Referenzen erworben haben.
Die letzten Jahrzehnte seiner Herrschaft widmet Karl dem Kampf um sein politisches und physisches Überleben in Gesellschaft aggressiver Thronfolger.
781 kann er dem Tod entgehen, indem er seinen Sohn Ludwig zum Mitkaiser ernennt. 792 scheitert Sohn Pippin mit einem Putsch-Versuch. 806 verfasst Karl ein Testament mit einem Reichsteilungsplan (Divisio Regnorum), um die andauernden Streitigkeiten durch ein schriftliches Machtwort zu befrieden.
Bereits in diesen Jahren spielt die Kontrolle seines Grabes eine Rolle im Ringen um Macht und Deutungshoheit.
Karls eigenmächtige Ernennung des Mitkaisers steht dem Interesse des Papstes (Stichwort: einzige Alleinvertretung auf Erden) konträr entgegen. Ebenso Karls Lebenswandel mit zahlreichen, öffentlichen Konkubinaten parallel zur christlich getrauten Ehe. Als er seinen homosexueller Sohn Karl den Jüngeren als Nachfolger vorschlägt, schliesst die Kirche dessen Thronfolge aus. Um die Stimmung zu verbessern, schenkt Karl dem Aachener Dom einen erbeuteten römischen Sarkophag (Proserpina-Sarkophag, 220 AD). Aus dieser symbolischen Geste leitet sich später die irrige Annahme her, Karl wäre im Dom beigesetzt.
Tatsächlich wird Karl 814 in seinem, nach 14-jähriger Bauzeit 810 fertig gestellten, Mausoleum Karls-Ruhe bestattet.
Die Geschichtsschreiber seiner Tage sind jedoch Mönche. Nur sie können schreiben und lesen. So bleibt die Wahrheit über Karls Mausoleum in den kirchlichen Annalen undokumentiert. Weitere Versuche, das Grab Karls nachträglich in den Dom, also unter die Kontrolle der Kirche zu bringen, sind belegt: Etwa die Heiligsprechung Karls 1165 durch Papst Paschalis den Dritten. Friedrich der Erste lässt dazu Gebeine aus der Pfalzkapelle in den Aachener Dom bringen.
1215 legt sein Großenkel Friedrich der Zweite diese Knochen in einen von ihm gestifteten Karlsschrein, um im Deutschen Thronstreit Fakten zu schaffen.

Karls Mausoleum Karls-Ruhe wurde auf der Fläche des heutigen Stadtgebiets des gleichnamigen Ortes erbaut und sollte, wie die Fläche Europas die er beherrschte und auch sein Kaisertum, gigantische Ausmasse haben. Der Ortsteil Karls-Knie-Liege „Knielingen“ ist ein Beleg für das Geschichtsbewusstsein der einheimischen Bevölkerung, in dem sich auch die Opposition zur Kirche ausdrückt. Der widerständige Karl bleibt den Anwohnern seines Mausoleums unvergessen.
1525 schliessen sich die Karlsruher Bauern den Aufständischen in den Bauerkriegen (1524-26) an. 1556 werden die Gebiete wieder christianisiert, diesmal protestantisch.

Ungezählte europäische Kaiser und Könige berufen sich auf Karls Nachfolge und als seine Erben.
1565 verlegt Markgraf Karl der Zweite von Pforzheim seine Residenz nahe an das Mausoleum, um damit die Nachfolge Karls herzuleiten. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wird die Grabstätte jedoch weitgehend zerstört. 1715 will Karl Wilhelm von Durlach die Ruinen des Mausoleums und damit die Nachfolgerschaft Karls für sich in Anspruch nehmen. Sein ehrgeiziger Plan nutzt die Reste des Bauwerkes für eine barocke Planstadt. Von diesem Ort aus gelingt es Karl Wilhelms Erben, die Kontrolle über das Land Baden (bis 1945 selbständig) aufzubauen. Karls-Ruhe ist seit 1950 Bundesgerichtshof des Europäischen Mitgliedsstaates Deutschland.

Karls Mausoleum liegt für die Besuchenden des 21. Jahrhunderts weiterhin wie eine Vision über der Stadt, zwischen Knielingen und dem Hauptbahnhof.

Bezwinge das Grosse so lange es noch klein ist

Posted in Miettext with tags on 24. November 2015 by Nikkolo Feuermacher

Samstag Abend in Herxheim / Pfalz, also im Theatersaal von Chawwerusch. Gerade noch einen Platz ergattert für die Abendvorstellung von Braun werden. Die acht Leute hinter mir werden wieder nach Hause geschickt und auf einen anderen Tag vertröstet. Ausverkauft! Wie ist das möglich bei einem Thema vor dem sich jedeR drückt und gerne wegschaut? Ohne Chance auf Quote – wenn wir den Medien glauben.
Das von den jungen Schauspielenden der Expedition Chawwerusch [2] gewählte Plot von Michael Bauer hatte es auch theaterintern nicht leicht. Und doch entschied sich das Kollektiv gegen die scheinbaren finanziellen Zwänge, für das heisse Eisen, das keiner gerne in der Hand hat, geschweige denn in den Mund nimmt: Rechtsradikale in Deutschland.
Die Familie ist die Keimzelle des Faschismus. Dieser Satz trifft Heute genauso wie vor 85 Jahren. Ohne den Beitrag von Frauen gibt es keine gesellschaftliche Entwicklung. Vielleicht halten Männer ihre Glatzen hin, aber die Strippen an denen die Glatzen hängen ziehen traditionell Frauen. Das macht Regisseurin Esther Steinbrecher [1] nicht nur mit der Besetzung deutlich: zwei Frauen, ein Mann. Der inszenierte Tanz durch das Familienidyll zeigt es uns überdeutlich.
Humor als Werkzeug gegen die Humorlosigkeit der Hassprediger und Menschenmörder? Natürlich ist die rechte Szene nicht humorlos: da gibt es die Schadenfreude genauso wie die Herabwürdigung. Was aber einen echten Schmäh [Humor – 4] ausmacht sind Selbstironie und Rollenambiguität. Das ist Kultursache. Was einem IS oder einer AfD fehlt ist die Fähigkeit über sich selbst zu lachen, andere immer noch sympathisch und nah zu finden wenn man über sie lacht.
Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe,… Die Komödie ist eine Mausefalle, in die das Publikum immer wieder gerät … könnte nach Dürrenmatts Dramentheorie [5] gefolgert werden. Aber das Publikum fühlt sich nicht in der Mausefalle. Besonders der Schluss von Braun werden verdeutlicht das: Da klappt nichts zu und klemmt. Da bleibt kein Scharz-Weiss-Bild stehen. Wer die Welt in Gute und Böse aufgeteilt haben möchte, hat das Denken der Schmähstaaten [Humorlosen – 4] noch nicht verlassen.
Die Vielschichtigkeit des Stückes, mit seinen ungezählten versteckten Ostereiern aus der realen NSU-Tragödie der deutschen Ermittlungsbehörden von Heute, bleibt dem unwissenden Wiener [4] glücklicherweise zum Nachlesen erspart. Auch ohne Vorbereitung ist das Stück voll geniessbar. Bei aller Schwere des Themas bleibt es immer leicht und flott genug um es zu besuchen oder nach zu inszenieren [3]. Das Publikum hat recht.

Anmerkungen:
[1] Esther Steinbrecher ist Regisseurin und Autorin der kippenden Komödie.
[2] Stephan Wriecz und Miriam Grimm; Gast: Monika Kleebauer.
[3] Das Stück wurde für das Ensemble geschrieben, lässt sich aber auch in anderen Ländern unterhaltsam inszenieren. Das Skript liegt bei Chawwerusch.
[4] Nikkolo Feuermacher sendet aus Wien.
[5] Friedrich Dürrenmatt, Theaterproblem, Neuenburg / Schweiz, 1955

Wie wählte Wien 2015?

Posted in Miettext with tags , on 21. Oktober 2015 by Nikkolo Feuermacher

Was ist eine Wahl?
Da die Macht von allen ausgeht und kein Mensch ohnmächtig sein soll, wurde in bestimmten Gegenden der Welt (zum Beispiel in Wien) beschlossen: alle paar Jahre jemanden auswählen, der die Macht für andere ausüben darf. So braucht sich nicht jedeR jeden Tag mit der Macht zu beschäftigen und selbst alle Entscheidungen treffen. Diese Teil-Abgabe der Macht erfolgt in Österreich durch die Wahl von RepräsentantINNen. Letztere müssen, um gewählt werden zu können, auf der Liste einer vorher angemeldeten Partei stehen. Wer oben auf der Liste steht bekommt eher die eingesammelte Macht als diejenigen, die weiter unten auf der Liste stehen. Es gibt einen Versammlungsraum mit einer bestimmten Anzahl von Stühlen und so viele RepräsentantINNen wie Stühle sind, können gewählt werden [2]. Die gewählten RepräsentantINNen setzen sich nach der Wahl zusammen und wählen ihrerseits repräsentativ eineN BürgermeisterIN für Wien. So ist die Pyramide aufgebaut [8]. Bei der Gemeinderatswahl in Wien werden Listen gewählt. Listen von Parteien. Auf der Liste, deren Name auf den Wahlzettel geschrieben ist, stehen untereinander die Menschen, die später im Versammlungsraum sitzen, und entscheiden: unter anderem wer BürgermeisterIN wird. Ein Bürgermeister-Amt stand am 11. Oktober 2015 nicht zur Wahl.

Was ist diese Wahl in den Medien? Ein hysterisches Spektakel.
Wer am sogenannten Wahlabend die Wahlsondersendungen sieht, kann den Eindruck gewinnen die Wahl wäre so etwas wie Silvester, es gäbe einen Count-Down, ein Ereignis, ein Wahl-Feuerwerk. Wie in einer Zirkusmanege ziehen immer wieder die selben Politik-Gesichter ihre Runden. Zwischen ihnen springt ein Chefredakteur herum, der das Wort erteilt und übereifrig die Fahne seiner Lieblingspartei schwenkt. Was beim Kreisen besprochen wird sind Spekulationen über Spekulationen (immer wieder Umfrage-Ergebnisse die – wen wundert’s? – nicht der Realität entsprechen). Das, was in Wirklichkeit geschieht, während die Sendung läuft, ist das Sortieren von Zetteln (im Fernsehen nicht zu sehen). Dieses Sortieren und Zählen bringt neun Tage später [1] das rechtlich verbindliche Ergebnis. Niemand in den Medien möchte sich mit der Realität der Wahl beschäftigen, es geht um Aufregung und Einschaltquoten.
Im Internet gibt es bei den Suchmaschinen unter Gemeinderatswahl Wien 2015 auf den ersten Plätzen nur Werbung einer bestimmten Partei, der Wahlkampf findet hier mit allen Mitteln ständig statt. Zwischen Information und Propaganda zu unterscheiden bedarf einer journalistischen Vorbildung.

Was ist die Wahl für die WählerINNEN? Scheinbar entmächtigend.
In Wien sind beim Meldeamt 1.500.000 Menschen gemeldet, alle über 16 Jahre alt und theoretisch in der Lage zu wählen. In einer monatelangen Werbekampagne, die so wirkt als würde man die Parteien kaufen können (und damit das Glück für das sie gerne stünden), versucht jede Partei sich als die beste zu präsentieren. Am 11. Oktober bleiben 750.000 [4] Menschen zu Hause und 750.000 wählen. Dazu gehen sie nicht in einen Laden und zahlen, sondern (zum Beispiel) in eine Schule, und machen geheim ein Kreuz auf einem Zettel [3]. Dieses 750.000 mal ausgeführte, geheime Kreuz ist der wirklich spannende Moment. Wie immer ist im entscheidenden Moment niemand dabei und die Bedeutung erschliesst sich einem selbst erst im Nachhinein – wenn überhaupt.

Was ist die Wahl für Wien?
Wenn die Welt einmal untergeht ziehe ich nach Wien, denn da passiert alles 20 Jahre später. (Treffendes Bonmot, das zwei Wienern [5] zugesprochen wird.) Während andere Städte der Welt nicht mehr in der Lage sind Bibliotheken aufrecht zu erhalten oder für das nackte Überleben ihrer BewohnerINNEN zu sorgen, verfügt Wien immer noch über Gemeindewohnungen, öffentliche Einrichtungen, städtische Betriebe und nicht kommerzialisierten öffentlichen Raum. Wer als Politiker in der Lage ist DAS zu Geld zu machen, kann sich daran leicht eine goldene Nasenscheidewand verdienen. Wie leicht das geht konnte bei der Privatisierungswelle nach den vorletzten Nationalratswahlen in Österreich gut beobachtet werden. Wen wundert da, dass die beiden erfolgreichsten Parteien, die bei den Wiener Wahlen 2015 die grössten Stimmengewinne verzeichnen, für Privatisierung stehen? Eine der Parteien hat das bei den o.g. Nationalratswahlen bewiesen und die andere sagt im Wahlkampf deutlich: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es allen gut! – Das bedeutet übersetzt: Wir stehen für Privatisierung! Wer die letzten 50 Jahre aufgepasst hat weiss: Der Wirtschaft geht es dann gut wenn es allen schlecht geht [6]. Wien, als Stadt mit einem hohen Wohlfühlgrad, hat ein grosses Potential für Profite durch Privatisierungen zu Gunsten von Investoren. Für die EinwohnerINNEN bedeutet Privatisierung eine Verschlechterung ihrer Lebensumstände, aber darüber hat vor der Wahl niemand informiert.

Ein Wähler sagt im Interview, das am Wahlabend im Fernsehen gezeigt wird: Mal ausprobieren was passiert: wenn mal die Anderen gewinnen. Er hat den Hassprediger gewählt, behauptet er.
Mal ausprobieren wie es ist wenn Hass und Ausgrenzung Alltag werden?
Mein Vater war dabei und hat’s mir erzählt: in einem Gräzel voller Benachteiligter hat der Fleischhauer dem Garnverkäufer gegenüber auf der Gasse das Schaufenster eingeschlagen und seine Waren in den Dreck geworfen. Viele Menschen haben dabei zugeschaut und entweder Angst gehabt oder Hass, oder beides. Der Garnverkäufer hat kein Schweinefleisch gekauft und der Fleischhauer war in der SA. Der Pfarrer vom Gräzel meint: das geschieht dem Garnverkäufer recht, seine Ahnen haben unseren Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen. Der Fleischhauer muss sich nicht länger mehr mit dem blöden Nachbarn ärgern, weil der verschwindet mit seiner ganzen Familie. Wenig später hassen alle Nachbarn die Nachbarn in den anderen Ländern, es gibt Unmengen unnötiger Tote, Leid und Zerstörung.

Die Partei des Hasspredigers repräsentiert nach der Wahl 240.000 Menschen. Vor der Wahl hat sie plakatiert Wir grenzen niemanden aus!. Noch in der Wahlnacht verkündet der Hassprediger: Wir werden unsere gewonnene Macht dazu verwenden 400.000 Menschen in dieser Stadt weiterhin das Recht auf Teilhabe an den Wahlen zu verweigern.
Eine Stadt, in der mehr als ein Viertel der Bevölkerung als Bürger zweiter Klasse behandelt wird, hat das Potential eine sehr unbequeme Stadt zu werden. 240.000 Menschen unterstützen den Hassprediger darin das Leben in der Stadt unangenehmer zu machen, 370.000 sind zu Hause geblieben, 400.000 [9] sind nicht gefragt worden, 510.000 wollen das nicht, zum Glück.

Was bedeutet die Wahl für die Demokratie?
Demokratie ist die friedlichste Art die Macht zu verwalten, die Menschen in einer Gemeinschaft haben. Demokratie kann auf unterschiedlichsten Ebenen und in verschiedensten Formen geübt und ausgeübt werden. Wie die Belebung des Zombies Labour Party im Vereinigten Königreich zeigt [7], kann Demokratie sogar den Weg in eine Partei hinein finden. Wenn man sie lässt.
Wenn jedoch niemand darüber informiert wird was eigentlich zu Wahl steht, und Wählenden weiss gemacht wird sie könnten bei einer Gemeinderatswahl den Bürgermeister wählen, kann Demokratie nicht gut funktionieren. Die Wähler werden für dumm verkauft. 20.000 haben einen ungültigen Wahlzettel abgegeben – nicht unbedingt weil sie zu dumm zum Ankreuzen sind.
Medien sind in der Regel nicht demokratisch organisiert, auf ihren konstruktiven Beitrag zur Demokratie ist offensichtlich kein Verlass.
Die Menschen, die bei der Wien-Wahl ihre Macht für die Weiterentwicklung der Stadt in eine menschliche, friedliche Zukunft delegiert haben, sind ebenso viele wie bei der letzten Wahl. Durch eine höhere Wahlbeteiligung ist ihre Wirkung auf die RepräsentantINNen reduziert. Es müsste in ihrem Interesse liegen die Demokratie zu stärken.

Die, die wissen was eine Wahl ist müssen es weitersagen.

Fussnoten:

[1] Das offizielle amtliche Endergebnis liegt am 20. Oktober vor, wenn der entsprechende Beschluss durch die Stadtwahlbehörde erfolgt. https://www.wien.gv.at/politik/wahlen/grbv/2015/
[2] Man kann das Ergebnis einer Wahl nicht dadurch verändern, dass einfach ein paar Stühle dazu gestellt werden, sonst hätte das längst jemand getan.
[3] Es gibt auch die Möglichkeit sich an der Wahl zu beteiligen indem der Zettel per Post geschickt wird.
[4] 400.000 Menschen ohne Wahlrecht [9] und 350.000 Menschen mit Wahlrecht, die dieses nicht ausüben wollen. 20.000 Menschen geben ungültige Stimmzettel ab. Quelle: https://www.wien.gv.at/politik/wahlen/grbv/2015/
[5] Gustav Mahler und Karl Kraus so weit ich weiss.
[6] Deutschland wächst derzeit viermal so stark wie Österreich: … Mit 2.319 € liegt der durchschnittliche Bruttomonatslohn in Ostdeutschland 25% unter jenem Österreichs, Titelseite Aussenwirtschaftsmagazin, Oktober 2015, Wien
[7] Mit Bart und Prinzipien – Der neue Labour-Chef Jeremy Corbyn bringt die Briten an den Rand der Hysterie, Alex Nunns, Le Monde Diplomatique, 8.10.2015, Berlin
[8] Wieso Macht in Österreich in Form einer Pyramide aufgebaut ist hat sicherlich mit dem Kaisertum zu tun.
[9] SOS Mitmensch: Fast 400.000 NachbarInnen dürfen in Wien nicht wählen. http://www.sosmitmensch.at

Sprechen und Musizieren

Posted in Miettext with tags on 7. Oktober 2015 by Nikkolo Feuermacher

Kennen Sie den?
Treffen sich drei Pälzer.
Und was kommt raus?
Weltunnergangsblues.

Blues ist keine Musikform sondern ein Universum. In diesem gibt es eine neue Formation:
Michael Bauer, Hans Reffert und Wolfgang Schuster (in alphabetischer Reihenfolge), die ihren Platz im Koordinatensystem suchen:
Missouri anno 1903 – ich will ein Bluessänger sei„?
1926er Talking Blues oder Sprechgesang in der Tradition eines Fred Schneider?
Nachkriegsgeneration 1945-plus, die sich lieber nach Amerika als nach Deutschland träumt?
Drei Blues-Männer, die ihren Jahrgang nicht nennen wollen wie ZZ Top?
Der ultimative Seelenentsafter, an ihm verzeifelt der Blueswissenschaftler.

Der Blues hat seine Ordnung (wie die Provinz und die Idylle) in erster Linie um zu bemerken wann sie verlassen wird. Und sie wird auf der CD immer wieder gerne verlassen – um wieder zurückzukehren. Michael Bauer nimmt respektlos liebevoll alle möglichen Wörter in den Mund. Hans Reffert und Wolfgang Schuster wechseln die Gitarren wie die Hemden. Wenn getanzt wird dann langsam um nicht aus dem Grübeln zu kommen.

Hinter jedem Männerblues steht eine Frau und so stehen auf dem Beipackzettel auch drei Frauen:
Elisabeth Schuster als Rhythmusmagd á la Meg White,
Tanja Strauch den Mund voller Gaulswürscht
und Monika Kleebauer als Textlektorin.
Um auch diese Ordnung zu brechen spielt Rainer Körber auf der Platte Didgeridoo.

Musiktheater für den Kopf. Wunderbar unordentlich.

Man kann sich mit ihnen freuen und gratulieren“ sagt meine Frau.

Wo nicht anders angegeben: alle Zitate Michael Bauer.
Text für die CD Weltunnergangsblues, 2015 bei musiker.de

Willkommen ihr Träumer

Posted in Miettext with tags on 17. September 2015 by Nikkolo Feuermacher

Willkommen ihr Träumer!
Ihr Träumer, die ihr nicht damit zufrieden seid wie ihr leben sollt, die ihr eine bessere Zukunft für euch, euere Kinder, Enkel und Freunde erträumt. Die ihr euer Leben aufs Spiel setzt für diesen Traum. Die ihr intelligent und geschickt Grenzen überwindet, immer wieder neue Wege findet, zu uns. Die ihr den Menschen hier die einfache und direkte Möglichkeit gebt sich als hilfreich, sinnvoll, helfend, unterstützend zu erleben. Die ihr den Traum ermöglicht: ich helfe Menschen, die wirklich in Not sind, und kann analog zusehen wie es ihnen besser geht. Sie werden satt und lächeln ohne dass ein Bildschirm dazwischen ist.

Willkommen ihr Träumer in Europa.
Ihr träumt von einem Europa, das es nicht gibt; und das bringt Euch ganz in die Nähe zu uns: wir haben bis jetzt auch von einem Europa geträumt, das es nicht gibt: ein Europa, das die universellen Menschenrechte ernst nimmt, dauerhaften Frieden zwischen Menschen schaffen möchte und sich dem säkularen Humanismus verpflichtet fühlt. Das Europa der Denker, Freiheitshelden und Träumer.

Willkommen ihr Träumer,
wir erwarten viel von Euch. Wenn ihr erst einmal mit uns sprechen könnt und das Spiel hier durchblickt (was Euch leichter fallen wird, denn ihr kommt ja von Aussen), erwarten wir eure Hilfe. Eure Hilfe beim Träume umsetzen. Wir haben es nur gerade eben so weit geschafft wie ihr seht. Von den Träumern aus der ehemaligen DDR hatten wir uns auch viel erwartet: eine sozialistische Perspektive wenigstens. Und die Träumer von damals haben nach dem Ankommen auch einiges bewegt*: den ersten weiblichen Kanzler der Bundesrepublik, eine landesweite Debatte über Kindergartenplätze, die provisorische Abschaffung der Wehrpflicht und eine Partei links der bisherigen linken Partei, die zu den Wahlen zugelassen ist.

Willkommen ihr Träumer,
ihr könnt uns und unserer Gesellschaft neue Impulse geben. Vielleicht gelingt es uns jetzt den Einfluss von Religion auf Gesetze und öffentliche Einrichtungen tatsächlich abzuschaffen? Vielleicht gelingt es uns anderen gemeinsamen Werte als der Profitmaximierung zu folgen? Bestimmt habt ihr eure eigenen Träume. Gerne würde ich euch gleich das aktive und passive Wahlrecht in Aussicht stellen, aber auf Grund des demokratischen Chaos in Europa habe ich als Europäer selbst gerade kein Wahlrecht in meinem Aufenthaltsland. Auch das könnten wir gemeinsam ändern. Als Migrant sage ich Willkommen ihr Migranten.

Willkommen ihr Träumer,
hier ist der Ort auf dem Globus wo sich heute die Träumer versammeln. Willkommen, die ihr kommen wollt. Kommet zu Hauf.

 

*Die nun folgende Bezüge sind aus der Perspektive der Bundesrepublik Deutschland (dem Zielort des Grossteils der aktuellen Flüchtlinge). Ich bitte die LeserIN die Bezüge zum eigenen Aufenthaltsort landesspezifisch selbst herzustellen und per Kommentar zu hinterlassen. Danke.

Ist ein besseres Leben erlaubt?

Posted in Miettext with tags on 13. September 2015 by Nikkolo Feuermacher

Einige Südamerikaner sind unglaublich anregend mit der Idee des buen vivir: das Ziel des Lebens, Ziel einer Gesellschaft wäre es: gut zu leben. Anstatt Geld, Gegenstände oder Macht zu sammeln. Gut zu leben statt zu überleben. Da können viele Menschen gut mitgehen. Fast könnte man meinen alle wären einverstanden.

Einige Menschen auf unserem Planeten leben noch nicht gut. Für die bedeutet das Ziel gut zu leben auf jeden Fall besser zu leben als sie jetzt leben.
Einige Menschen auf der Welt gehen zu Wahlen und versprechen sich mit der Abgabe ihrer Stimme dafür zu sorgen, dass es besser wird. Sie erwarten nach ihrer Wahl besser zu leben als vorher. Andere gehen nicht zur Wahl sondern rennen bewaffnet herum. Wahrscheinlich auch mit dem Ziel, dass sie irgendwann besser leben.

Jetzt sagt Viktor Orban [Regierungschef in Ungarn, 12.09.2015]: Es gibt kein Grundrecht auf ein besseres Leben.
Was will er uns sagen, mit dem, was er da laut in ein Mikrofon spricht?
Dass das ganze menschliche Streben nach einem besseren Leben illegal ist?
Dass er nicht dafür verantwortlich sein will, dass Menschen besser Leben, selbst wenn sie ihn gewählt haben?
Dass man vor einem Gericht (z.B. in Ungarn) nicht einklagen kann, dass man besser lebt als vorher?
In Ungarn leben einige Menschen viel besser als andere. Sollten diejenigen, die schlechter leben als die, die besser leben, kein Recht haben sich zu beschweren? Vielleicht ist das seine Aussage? Diejenigen, die in Ungarn besser leben, würden das sicherlich sofort unterschreiben und ihn zu dem Zwecke zu ihrem Vertreter wählen.

Aber er spricht die Worte nicht nur zu seinen WählerINNEn, sondern auch zu seinen NachbarINNEn, die ihn gar nicht gewählt haben oder wählen würden.
Was will er den NachbarINNEn sagen?
Hört auf von einem besseren Leben zu sprechen, sonst bringt ihr uns noch auf dumme Gedanken?
Schweigt mit eurem Gerde von einem besseren Leben?
Es sollte verboten sein sich dafür einzusetzen, dass man besser lebt?
Durch mein Land kommt kein Mensch, der besser Leben möchte?

Besser ist ein Wort, das zwingend einen Vergleich braucht. Menschenfreundlich ist es, sich mit sich selbst zu vergleichen: ich lebe Heute besser als Gestern. Aber das meint Herr Orban nicht. Er konkretisiert: Sie [diejenigen, die kein Recht auf ein besseres Leben haben sollen] wollen ein deutsches Leben, vielleicht ein schwedisches [statt der Lebensqualität in einem überfüllten Flüchtlingslager in Nahost]. Er setzt besser leben in Bezug zum Leben der NachbarINNEn. Die NachbarINNEn haben es besser als wir. Die gute alte Neid- und Gier-Karte wird gespielt [die hat nicht nur Herr Orban in der Tasche].

Wir tun kurz mal so als wäre ein deutsches Leben immer gleich viel besser – und vernachlässigen die Realitäten in Deutschland. In den letzten Monaten wurde auf politischer Ebene in Europa viel Aufwand betrieben: um ein griechisches Leben nicht besser werden zu lassen. Das weiss Herr Orban. Und das bedeutet: es gibt politische Möglichkeiten Leben besser oder schlechter zu machen. Wer kein Recht auf ein besseres Leben hat, hat also im Grunde kein Recht auf politische Wirksamkeit. Viele Politiker teilen diesen Wunsch: Niemand ausser mir selbst soll politisch wirksam sein! Aber wenn Menschen das Recht auf politische Wirksamkeit abgesprochen wird, wird aus einer Demokratie eine Diktatur. Und das heisst für die Mehrheit der Menschen schlechter leben. Und schlechter leben will noch nicht einmal Herr Orban, selbst wenn er dieses Ziel ganz leicht christlich unterfüttern könnte.

In der Kammer

Posted in Miettext with tags on 9. September 2015 by Nikkolo Feuermacher

„Ungarn ist die Kammer Europas“ sagt ein französischer Bekannter zu mir. Erst verstehe ich ihn nicht und sage mir: sein schlechtes Deutsch ist Schuld daran. Dann denke ich nach und finde, dass Ungarn auch von anderen häufig als Kammer bezeichnet wird: Schweinefleisch-Kammer für die Genossen, Rindfleisch-Kammer für den Kaiser, Getreide-Kammer für den Soviet. In einer Kammer werden Dinge aufgehoben, von denen man sich verspricht, dass sie einmal gebraucht werden. Vorräte zum Beispiel in der Vorrats-Kammer.
Ungarn ist eines der wenigen Länder Europas in denen Rangabzeichen, Uniformteile, Armbinden etc. aus dem Faschismus nicht illegal sind. Mann kann sich als „Deutscher im zweiten Weltkrieg“ verkleiden und mit anderen Verkleideten spazieren gehen, was auch regelmässig getan wird – in Ungarn. Ungarn ist also auch Kostümkammer für den Faschismus.
Mit etwas Nato-Stacheldraht drumherum wird Ungarn zur Kammer für asylsuchende Flüchtlinge. (Folter-Kammer will ich auf keinen Fall schreiben.)
Rechtlich betrachtet gehört eine Kammer immer jemandem anderen. Eine Kammer gehört nicht sich selbst und macht für sich selbst auch keinen Sinn. Wozu so viel Potential ungenutzt herumliegen lassen, wenn es für die eigene Entwicklung genutzt werden könnte?
Einige prominente Ungarn behaupten: das besondere an ihrer Kultur läge daran, dass Ungarn immer benutzt und benachteiligt worden wäre: vom König, vom Kaiser, vom Führer, von den Soviets, von der EU. Als Kammer missbraucht. Kulturen existieren in der Phantasie derer, die an sie glauben. Es gibt also Ungarn, die sich in einer Kammer leben sehen.
Ich sehe Ungarn ungern als Kammer, lieber als Ort an dem Menschen sich entwickeln.

Social Networks zwischen Freiheit und Kontrolle

Posted in English, Miettext with tags , on 11. April 2011 by Nikkolo Feuermacher

Wenn über Social Networks oder persönliche Profile im Internet gesprochen und geschrieben wird, ist die finsterste Ecke ihrer dunklen Seite die ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten.‘ So eine Sammlung löst Begehrlichkeiten aus, stellt einen strukturellen Machtfaktor und einen Geldwert dar. Doch ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten‘ ist nicht etwas, das die Nutzerin von Social Networks zwangsläufig in Kauf nehmen muss. Datenzentralismus ist ein – von manchen Menschen erwünschtes – Nebenprodukt monopolistischer und kapitalistischer Strukturen. Wer gerne sicher stellen will, ‚den Markt‘ zu führen oder zu beherrschen, wer der ‚Einzige‘, ‚Wichtigste‘, ‚Beste‘, ‚Größte‘ sein muss, wer mit einer Idee schnell viel Geld verdienen will, … dem bleibt als kürzester Weg nur die Erzeugung struktureller Macht. So schaut die gelebte Perspektive von Netzwerkbetreibern – und nicht von Nutzern/Usern aus. Nutzer kümmert es meist wenig, dass ihre Daten zentral zusammen mit den Daten der anderer User gespeichert werden. Sie interessieren sich in der Regel nicht für die Strukturen dahinter, sondern nur für die Benutzeroberfläche. Ursprung des Internets ist die strukturellen Vorgabe, dass Computer in unterschiedlichsten Teilen der Welt miteinander vernetzt sind. Das schafft einen Freiraum, einen schier unkontrollierbaren Kommunikationsfluss. Dieser Freiheitsfaktor macht Diktaturen Sorgen. Das große Unbehagen, welches Freiräume für Kontrollfreaks bedeuten ist auch ein Grund dafür, dass manche Menschen immer über Kinderpornoringe sprechen müssen, wenn es um Kommunikationsfreiheit im Internet geht. Um Kontrolle herzustellen, werden Filtersysteme eingekauft (z.B. in China1 , Qatar2, Oman2, Saudi Arabien2, Kuwait2, Yemen2, Sudan2, Tunesien2) und es werden Möglichkeiten erarbeitet, Teile des Internets abzuschalten (z.B. in Ägypten3, Deutschland4). Wer ein Social Network benutzt, möchte AUCH gerne Kontrolle, allerdings die Kontrolle in den eigenen Händen. Eine autonome Sicherheit die Fotos, Geschichten, Daten beim Profil nur mit den Menschen zu teilen mit denen geteilt werden will. Und User möchten natürlich das Eigentum an ihren Fotos und Geschichten nicht automatisch abgeben müssen. Die Tatsache, dass ein ‚großer Bruder, Papa oder Mama‘ ständig über die Schulter schaut und ’schon dafür sorgt, dass nichts passiert‘ ist für die Benutzeroberfläche nicht gerade sexy.
Ob die großen Brüder dabei als Netzwerkbetreiber das Etikett ‚Jetzt noch sicherer!‘ an ihr Produkt kleben, oder als Fachleute mit Regierungsauftrag Rechtsgüter gegen Wirtschaftsnutzen abwägen, ist dabei beinahe egal.
Auf Grund der beschriebenen Grundstruktur des Internet als Vernetzung vieler unabhängiger Computer, existiert seit der ersten Stunde die Möglichkeit, direkt, d.h. ohne Datensammlung und Zentralismus zu kommunizieren. Eine alternative, weil selbstverantwortliche Benutzeroberfläche für Social Network Fans ist mittlerweile auch auf dem ‚Markt‘ angekommen. Diaspora5 nennt sich das Social Network, an dem vier New Yorker Studenten, Ilya Zhitomirskiy, Dan Grippi, Max Salzberg und Raphael Sofaerxyz, seit 2008 gearbeitet haben und bei dem User/Seeds das übliche Profil anlegen, Fotos veröffentlichen sowie Twitter- und Flickr-Vernetzungen nutzen können. Der Unterschied zu Facebook: Die Daten liegen nicht auf zentralen Computern. Wer immer möchte kann seinen Computer auch als Arbeitsraum, als Freiraum für Kommunikation, mit einbringen. Kein Zentralismus, dem Datensammeln sind Grenzen gesetzt, Selbstkontrolle und Eigentumsrechte der Profil-AutorINNen sind besser gewährleistet.
Dies soll kein Werbetext für Diaspora sein. Ich möchte auch kein Argument dafür liefern, noch mehr Profile im Internet anzulegen. Mir geht es um einen Blick auf Strukturen, auf Freiheit und Kontrolle. Dass zentralisiertes Datensammeln das wirtschaftliche Arbeitsfeld nicht allein von Netzwerkbetreibern, sondern auch z.B. von Suchmaschinen (Google) darstellt, ist eine andere Geschichte.

Fußnoten:
[1In China gilt ab 1.Juli 2009 verpflichtende Filtersoftware für Privat-PCs; „Harmonie als Synonym für Zensur“, taz 26.06.2009]
[2 „West Censoring East: The Use of Western Technologies by Middle East Censors, 2010-2011“ von Helmi Noman und Jillian C. York für die OpenNet Initiative April 2011 >http://opennet.net/west-censoring-east-the-use-western-technologies-middle-east-censors-2010-2011<%5D
[3„Wie Ägypten aus dem Internet verschwand“ Matthias Kremp in Spiegel online 28.01.2011 >http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik<%5D
[4 Zugangserschwerung-Gesetz Entwurf des Bundeskabinetts vom 22. April 2009]
[5 http://www.joindiaspora.com%5D