Archiv für Social Networks

Bonnieren

Posted in Miettext with tags , , , on 16. November 2018 by Nikkolo Feuermacher
bonnierender junger Mensch

Tut mir wirklich leid aber ich kanns nicht bonnieren.

„Oops, das kann ich nicht bonnieren. Sorry!“
ist genau der Satz, der auf den Punkt bringt wo bei uns die Grenze läuft.

Einen Platz in der Stadt besetzen, nachts aufbleiben, im Freien übernachten und viel reden – lässt sich gerade noch bonnieren – so lange alle brav nach Hause gehen wenn der Bürgermeister sagt: „Ab ins Bett Kinder.  – Ihr wisst ja: unsere Polizei kann auch anders – habt ihr doch im Fernsehn schon gesehen wie das aussieht.

Neue Ideen haben, Sachen anders machen – lässt sich bonnieren – so lange Du Dir dafür einen Schreibtisch in einem Grossraumbüro mietest und Dir von der Bank erst mal Geld leihst.

Freche Reden schwingen, Fragen stellen, Worte sagen die nicht so gern gehört werden, Kritisieren – lässt sich bonnieren – so lange Du Dir das bezahlen lässt und dann wenn’s kein Geld mehr gibt beleidigt schweigst.

Der Spass hört dann auf, wenn sich das nicht mehr bonnieren lässt. Wenn in der Software die Variante nicht programmiert ist, die Du gerade machen möchtest.
Wer gut geübt ist im Computerspielen weiss: wenn sich das nicht bonnieren lässt muss ich wo anders den Weg suchen, den die Programmierer für mich vorgesehen haben. Sonst komme ich nicht auf das nächste Level oder verliere meine Credits. Das wichtigste: was ich mache, was ich will, was mich freut – wird bonniert.
Was für einen Sinn soll das alles sonst haben?

Und wer hat dieses Programm eigentlich geschrieben? – Moment das lässt sich nicht bonnieren. Sorry – ich mach Schluss mit dem Text.

Wir schaffen Feudalismus

Posted in Miettext with tags , , on 20. Februar 2018 by Nikkolo Feuermacher

imperiale lebensweise wird in wien 2018 wieder gross geschrieben.

Was ist Feudalismus? Eine Gesellschaftsordnung in der Menschen nach ihrer Geburt (Wer ist der Vater? ist die alles entscheidende Frage.) eingeordnet werden: in reiche und arme, arbeitende und nicht arbeitende, Geld ausgebende und bettelnde. Sie wirkt auf den ersten Blick stabil und erprobt. Allerdings zeigt uns die Geschichte, dass Kompetenz, gute Ideen, Innovation, Kreativität, Menschlichkeit usw. nicht gut auf so einem Nährboden wachsen.
Beispiel: Auf einem Tisch liegen zwölf Kekse, am Tisch sitzen drei Personen. Im Feudalismus nimmt sich eine Person neun Kekse und sagt zu seinem Nachbarn: „Pass auf, dass Dir der andere nicht Deinen zweiten Keks wegnimmt.“ Von der einen Ungerechtigkeit wird durch eine andere abgelenkt. UND: derjenige der sich neun Kekse nimmt, bekommt deshalb (weil er das aus seinem Recht auf neun Kekse ableitet) besseren Zugang zu Schulen und Ausbildungsstellen, zahlt weniger für seinen Wohnraum, bekommt günstigere Kredite, bessere Krankenversorgung, zahlt weniger Steuern, erhält kostenlos mehr öffentlichen Raum zur Verfügung und redet bei Entscheidungen lauter mit. Wenn jemand zu ihm sagt: „Es ist ungerecht, dass Du neun Kekse bekommst und ich nur einen.“ Antwortet er im freundlichsten Fall: „Dann setze ich mich zu anderen zwei Leuten an den Tisch, die mir elf gönnen und sich jeweils um ihren halben Keks streiten.“ Leider geht das als Antwort durch.
Das ist Feudalismus. Dass wir in einer solchen Gesellschaftsform leben, damit müssen alle einverstanden sein. Und scheinbar sind sie das, denn auf demokratischem Weg wurden genau die Parteien gewählt, die es der Person mit den neun Keksen recht machen.

Wer hier einwendet: „Aber das beschriebene ist doch nicht Österreich, wir leben doch in einer Leistungsgesellschaft, wo nach Leistung bezahlt wird und nicht nach Geburt.“ sollte ein wenig nachdenken. Sicherlich ist es richtig, dass ständig Wettbewerbe stattfinden: um den ersten Platz an der Supermarktkassa, um die Pool-Position an der Ampel usw. Aber Leistung wirkt sich nicht darauf aus ob man bequem lebt oder unbequem. Zum Beispiel bekommt ein Anlageberater bei einer Bank viel Geld bezahlt – ob er nun schlecht oder gut berät spielt keine Rolle. Dagegen bekommt eine Kinderbetreuerin wenig Geld bezahlt – egal ob sie viel Engagement bringt oder weniger. Leistung spielt wirklich keine Rolle.
Wer in eine Familie geboren ist, in der viel Besitz gesammelt wurde, wird viel Geld ausgeben können, egal ob er jemals eine Leistung erbringt. Wer in eine Familie geboren wurde in der kein Besitz gesammelt werden konnte, wird nicht viel Geld ausgeben können, egal wie er/sie sich anstrengt. Da gibt es sicherlich einen kleinen Spielraum, aber der ist nur Teil des Wettbewerb-Spiels um Druck zu erzeugen und das Nachdenken zu verhindern, aber er ist nicht wirklich verändernd. Es wird allen erzählt: „Du kannst reich werden!“, „Du bist eigentlich reich, denn Du hast etwas zu verlieren (an diejenigen, die nur einen halben Keks haben)!“ Aber die Leistungsgeschichte ist nachweislich eine Lüge (siehe Literaturliste* unten).
Beispiel: Wenn ich arbeite wird mein Verdienst mit 50% besteuert, wenn ich Handel treibe mit 20%, wenn ich Geld erbe mit 0%. Einnahmen aus Besitz wachsen in den letzten Jahrzehnten wieder schneller als Einnahmen aus Arbeit.*
Die österreichische Gesellschaft hat als Verabredung: dass sich die Menschen im Land über das Wählen von Parteien darüber einigen wie in der Gesellschaft Gerechtigkeit hergestellt wird. So schaffen es so viele Menschen gemeinsam an einem Ort zu leben, friedlich, vertrauensvoll und freundlich miteinander umzugehen.

Wie ist die Stimmung in einer Dreier-Gruppe in der eineR neun, eineR zwei und eineR einen Keks bekommt? Unfreundlich, unsolidarisch und zunehmend aggressiv. Eine Gesellschaft ist dann friedlich, wenn IN ihr Frieden herrscht und nicht dann wenn viel Polizei patroulliert, überall Kameras hängen und die Gefängnisse voll sind.
Ein Land wie die USA (aus mir unerklärlichen Gründen oft als Beispiel für ein gutes Land genannt, weshalb ich es hier überhaupt erwähne) hat Standards in der Keksverteilung, dem Umgang mit Menschenrechten, der Krankenversorgung, dem Bildungs- und Rechtssystem, dass es lange im Anwärterstatus warten müsste ehe ernsthaft darüber gesprochen würde ob es in die Europäische Union aufgenommen werden könnte. So niedrig sind die Standards dort. Wer Österreich mit den USA vergleicht, will auf jeden Fall die Standards in Österreich senken und die Kekse noch ungerechter verteilen.

Wer 2017 die Wahlplakate in Österreich gelesen hat wusste: es geh um die effektive Zunahme der Ungerechtigkeit in der Keksverteilung „jetzt oder nie“ und ein klares JA zum Feudalismus „Erbschaftssteuer ist unfair“.
Wenn es in Österreich feudaler wird: also wenige Menschen immer reicher werden ohne etwas dafür tun zu müssen – und viele Menschen immer ärmer ohne etwas dagegen tun zu können, dann wird es auch aggressiver. Die Gewalt wird zunehmen, die Aggression sich vergrössern (Hassprediger helfen dabei), mehr Menschen werden verletzt werden. Und die Gefahr verletzt zu werden nimmt für ALLE Menschen in der Gesellschaft zu. Aus dieser Gefahr kann man sich nicht freikaufen.

Feudaler Lebensstil oder Imperial Living sind für ALLE dumm und gefährlich. Also: bitte sofort ändern.

*Literaturliste (zum üÜberprüfen der Aussagen):

  • Handbuch Reichtum, Nikolaus Dimmel, Julia Hofmann, Martin Schenk, Martin Schürz (Hrsg.), Innsbruck 2017
  • Das Kapital im 21. Jahrhundert, Thomas Piketty, München 2014
  • Wie Reiche denken und lenken, Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schillinger, Zürich 2010
  • Wir Erben, Julia Friedrichs, Berlin 2015

Diese Bücher gibt es kostengünstig auszuleihen in öffentlichen Bibliotheken.

Social Networks zwischen Freiheit und Kontrolle

Posted in English, Miettext with tags , on 11. April 2011 by Nikkolo Feuermacher

Wenn über Social Networks oder persönliche Profile im Internet gesprochen und geschrieben wird, ist die finsterste Ecke ihrer dunklen Seite die ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten.‘ So eine Sammlung löst Begehrlichkeiten aus, stellt einen strukturellen Machtfaktor und einen Geldwert dar. Doch ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten‘ ist nicht etwas, das die Nutzerin von Social Networks zwangsläufig in Kauf nehmen muss. Datenzentralismus ist ein – von manchen Menschen erwünschtes – Nebenprodukt monopolistischer und kapitalistischer Strukturen. Wer gerne sicher stellen will, ‚den Markt‘ zu führen oder zu beherrschen, wer der ‚Einzige‘, ‚Wichtigste‘, ‚Beste‘, ‚Größte‘ sein muss, wer mit einer Idee schnell viel Geld verdienen will, … dem bleibt als kürzester Weg nur die Erzeugung struktureller Macht. So schaut die gelebte Perspektive von Netzwerkbetreibern – und nicht von Nutzern/Usern aus. Nutzer kümmert es meist wenig, dass ihre Daten zentral zusammen mit den Daten der anderer User gespeichert werden. Sie interessieren sich in der Regel nicht für die Strukturen dahinter, sondern nur für die Benutzeroberfläche. Ursprung des Internets ist die strukturellen Vorgabe, dass Computer in unterschiedlichsten Teilen der Welt miteinander vernetzt sind. Das schafft einen Freiraum, einen schier unkontrollierbaren Kommunikationsfluss. Dieser Freiheitsfaktor macht Diktaturen Sorgen. Das große Unbehagen, welches Freiräume für Kontrollfreaks bedeuten ist auch ein Grund dafür, dass manche Menschen immer über Kinderpornoringe sprechen müssen, wenn es um Kommunikationsfreiheit im Internet geht. Um Kontrolle herzustellen, werden Filtersysteme eingekauft (z.B. in China1 , Qatar2, Oman2, Saudi Arabien2, Kuwait2, Yemen2, Sudan2, Tunesien2) und es werden Möglichkeiten erarbeitet, Teile des Internets abzuschalten (z.B. in Ägypten3, Deutschland4). Wer ein Social Network benutzt, möchte AUCH gerne Kontrolle, allerdings die Kontrolle in den eigenen Händen. Eine autonome Sicherheit die Fotos, Geschichten, Daten beim Profil nur mit den Menschen zu teilen mit denen geteilt werden will. Und User möchten natürlich das Eigentum an ihren Fotos und Geschichten nicht automatisch abgeben müssen. Die Tatsache, dass ein ‚großer Bruder, Papa oder Mama‘ ständig über die Schulter schaut und ’schon dafür sorgt, dass nichts passiert‘ ist für die Benutzeroberfläche nicht gerade sexy.
Ob die großen Brüder dabei als Netzwerkbetreiber das Etikett ‚Jetzt noch sicherer!‘ an ihr Produkt kleben, oder als Fachleute mit Regierungsauftrag Rechtsgüter gegen Wirtschaftsnutzen abwägen, ist dabei beinahe egal.
Auf Grund der beschriebenen Grundstruktur des Internet als Vernetzung vieler unabhängiger Computer, existiert seit der ersten Stunde die Möglichkeit, direkt, d.h. ohne Datensammlung und Zentralismus zu kommunizieren. Eine alternative, weil selbstverantwortliche Benutzeroberfläche für Social Network Fans ist mittlerweile auch auf dem ‚Markt‘ angekommen. Diaspora5 nennt sich das Social Network, an dem vier New Yorker Studenten, Ilya Zhitomirskiy, Dan Grippi, Max Salzberg und Raphael Sofaerxyz, seit 2008 gearbeitet haben und bei dem User/Seeds das übliche Profil anlegen, Fotos veröffentlichen sowie Twitter- und Flickr-Vernetzungen nutzen können. Der Unterschied zu Facebook: Die Daten liegen nicht auf zentralen Computern. Wer immer möchte kann seinen Computer auch als Arbeitsraum, als Freiraum für Kommunikation, mit einbringen. Kein Zentralismus, dem Datensammeln sind Grenzen gesetzt, Selbstkontrolle und Eigentumsrechte der Profil-AutorINNen sind besser gewährleistet.
Dies soll kein Werbetext für Diaspora sein. Ich möchte auch kein Argument dafür liefern, noch mehr Profile im Internet anzulegen. Mir geht es um einen Blick auf Strukturen, auf Freiheit und Kontrolle. Dass zentralisiertes Datensammeln das wirtschaftliche Arbeitsfeld nicht allein von Netzwerkbetreibern, sondern auch z.B. von Suchmaschinen (Google) darstellt, ist eine andere Geschichte.

Fußnoten:
[1In China gilt ab 1.Juli 2009 verpflichtende Filtersoftware für Privat-PCs; „Harmonie als Synonym für Zensur“, taz 26.06.2009]
[2 „West Censoring East: The Use of Western Technologies by Middle East Censors, 2010-2011“ von Helmi Noman und Jillian C. York für die OpenNet Initiative April 2011 >http://opennet.net/west-censoring-east-the-use-western-technologies-middle-east-censors-2010-2011<%5D
[3„Wie Ägypten aus dem Internet verschwand“ Matthias Kremp in Spiegel online 28.01.2011 >http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik<%5D
[4 Zugangserschwerung-Gesetz Entwurf des Bundeskabinetts vom 22. April 2009]
[5 http://www.joindiaspora.com%5D