Nationalrat Ende 2017

Posted in Uncategorized with tags on 9. November 2017 by Nikkolo Feuermacher

Bei der Nationalratswahl 2017 in Österreich haben mich zwei Dinge überrascht:

1. Die Grünen haben erfolgreich gezeigt wie sich eine Partei selbst zerstören kann. Das funktioniert. Ich muss also nicht befürchten bis ans Ende meiner Tage immer die gleichen Parteien im Nationalrat zu erleben.

2. Reklame, die alte, moralfrei lügende Seifenblasenmaschine, die poppige Slogans auf dem Niveau von Sechsjährigen in bunter Farbe endlos produziert, hat tatsächlich einer totgeglaubten Partei zur Mehrheit verholfen („jetzt oder nie“). Wird bei zukünftigen Wahlen die beste Werbeagentur wahlentscheidend sein? Wird dadurch die Mehrheit im Nationalrat käuflich? Schade, dass die Werbeleute keine Ethik haben (das wurde in vielen Büchern bereits ausreichend von Insidern beklagt).

Die schwarz-blaue Regierung ist nichts neues für Österreich und das kann Angst machen. Die Schäden der letzten schwarz-blauen Regierung werden noch abbezahlt.
Was noch beängstigender ist: im Parlament ist keine Partei vertreten, die ausserhalb der Wirtschaftsinteressen denkt. In sofern ist der Nationalrat bereits jetzt käuflich.
Wesentliche Fragen wie: Umgang mit begrenzten Ressourcen, Umweltzerstörung, Erderwärmung, zu viel unkontrolliertes Geld, zunehmende Ungleichheit zwischen den Menschen, zunehmende Spaltungstendenzen in der Gesellschaft; haben im Wahlkampf keine Rolle gespielt – sofern es um menschenfreundliche Lösungen für diese Probleme geht.
Im Nationalrat ist keine Partei, die für Alternativen steht. Optimieren des Bestehenden, Bestandswahrung und Ausgrenzung sind die erkennbaren Werteorientierungen der vertretenen Parteien.
Wir sind tatsächlich in der Zeit zurück gegangen in die 70er Jahre, als es im Nationalrat keine Alternativen gab, wo neue Ideen nur ausserhalb des Parlaments zu finden waren.

Natürlich wird sich der Nationalrat trotzdem mit den anstehenden Problemen beschäftigen müssen. Es wird ihm nichts übrig bleiben. Und das kann jetzt richtig Angst machen.
Ein Beispiel dazu: Im Wahlkampf tauchte kurz das Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat auf. Österreichische Bauern versprühen es im Frühjahr vor der Aussaat (damit der Acker erst einmal tot ist) und zur Ernte (weil tote Pflanzen leichter maschinell geerntet werden können). Der Hersteller findet Glyphosat natürlich völlig unbedenklich. Dennoch gibt es Untersuchungen, die zum Verbot der Chemikalie in der EU führen. Im EU-Parlament stand gleichzeitig zur Nationalratswahl eine Entscheidung an: das Verbot von Glyphosat könnte noch bis 2020 hinausgeschoben werden, dann freut sich der Hersteller. Im Wahlkampf waren die Grünen für ein Verbot, die SPÖ ebenso, die FPÖ hat sich dem Verbot angeschlossen, die ÖVP hatte „ohnehin nicht vor Glyphosat länger zuzulassen“. Ich habe die Stimmen aller Parteien persönlich im Radio gehört. Die Abstimmung im EU-Parlament: FPÖ stimmt für die Verlängerung von Glyphosat, ÖVP enthält sich, SPÖ und Grüne stimmen für das sofortige Verbot. Ergebnis: Glysophat darf bis 2020 weiterhin in Österreich versprüht werden.
Zwei haben also im Radio gelogen. Und diese beiden Parteien stellen die zukünftige österreichische Regierung.
Den Auftrag zur Regierungsbildung hat der Mann bekommen, der seiner Partei per Ultimatum abpresste ihn mit allen Machtbefugnissen auszustatten, die seine Vorgänger nie hatten. Auch das kann Angst machen.

Andere Länder um uns her zeigen wie autoritäre Regierungen vorgehen, deren Vertreter sich gerne einmal widersprechen. Ihre Ziele sind:
Kontrolle über die Informationswege, Zerstörung unabhängiger Medien, Verkauf von Gemeinschaftseigentum an Freunde, Vertretung eigener finanzieller Interessen, Zunahme von Ungleichheit und Aggression in der Gesellschaft (teile und herrsche), Verbreitung von Angst (das lenkt ab und führt zu weiterem Kontrollgewinn/Machtzuwachs seitens der Regierung).

Und da ist sie wieder die Angst, die vor der Wahl, bei der Wahl und jetzt nach der Wahl im Vordergrund steht.

Meiner Ansicht nach ist es jetzt zu spät um Angst zu haben.
Es wird notwendig sein Lösungsvorschläge, Handlungsimpulse, Kritik, Alternativen, Friedensvorschläge und ganz viel Mut von ausserhalb des Nationalrats zu entwickeln. Am besten gleich mit einer Lichterkette der Regierung zeigen, dass wir vor ihr keine Angst haben.

kurz gedacht am 14. mai (muttertag) 2017

Posted in Miettext on 14. Mai 2017 by Nikkolo Feuermacher

vergangene woche haben in österreich zwei ähnliche ereignisse den weg in die fernsehnachrichten gefunden: ein mann nimmt einen taxifahrer als geisel und blockiert sechs stunden lang mit schusswaffe und sprengstoffdrohung die raiffeisenbank und den benachbarten kindergarten von erpfendorf. der andere mann nimmt die österreichische volkspartei als geisel und blockiert jede inhaltliche politische entwicklung – vielleicht für monate – mit einer ermächtigungsforderung.
beide männer lieben das gefühl von macht. beide sind im umgang mit anderen menschen nicht zimperlich. beide wählen statt der wertschätzung ihrer mitmenschen den moment völliger hybris: ICH diktiere die bedingungen, ICH sage was geht, ICH bin wichtig.
beide ereignisse sind lackmustests unserer gemeinschaft von menschen. offensichtlich wird hier nicht das ziel der friedvollen gemeinsamkeit gesucht, sondern das eines grossen ICH – im setzkasten neben anderen. beide männer bekommen eine grosse bühne und werden ernst genommen. warum eigentlich? aus langeweile? aus angst? weil sich niemand mit den nachhaltigen aktuellen problemen beschäftigen möchte?
wem nutzt diese situation? den zuschauerINNEn, die wieder einmal bestätigt bekommen: wer am lautesten ICH ICH ICH schreit, auf den schauen alle? wer stielt den schaulustigen dabei gerade das portemonaie aus der tasche? welche nachhaltigen entscheidungen standen vergangene woche an? wie sind die ausgegangen?
UND: in welcher erzählungs-schleife hängen hier die werbetexter? hauptsache hart, hauptsache einer der irgendwelche entscheidungen herbeizwingt, hauptsache ein ende der freundlichkeiten? mit führern und kaisern sind doch schon weit mehr schlechte erfahrungen gesammelt worden als beispielsweise mit ngo’s?
menschen, die andere menschen verachten und gleichzeitig nach grösstmöglicher macht streben sind ein klassiker – der menscheitsgeschichte. was echt verwundern darf: dass nach so viel dokumentierter menschheitsgeschichte die anziehungskraft von „ich habe keine ahnung, aber ich will gern alles entscheiden“ – persönlichkeiten gross ist. sie werden zu klassensprechern, parteivorsitzenden und präsidenten oder auch nicht.

Eine Kurz-Geschichte

Posted in Miettext on 12. Januar 2017 by Nikkolo Feuermacher

Ein junger Mann will nach der Matura Jura studieren und „sieht sich in der Privatwirtschaft“. Drei Semester Studium sind ausreichend für einen Platz in der Politik. In der Partei, die sich für die Interessen der grossen Unternehmen (etwa 3% der Bevölkerung) einsetzt. „Geiz ist“ damals „geil“. Naheliegend: „Schwarz ist“ auch „geil“. Mit seinem schwarzen „Geilomobil“ [hier keine Nennung des Herstellers] macht der junge Mensch u.a. Partei-Werbung. Das qualifiziert ihn als geeignetsten Kandidaten für den Posten des Aussenministers. Er wird nominiert und vereidigt. 2015 posiert er in einem Video neben einem Schuhhändler [aus der Privatwirtschaft], der sagt: „durch die Unterstützung dieser Regierung konnten wir den Vietnamesen beibringen wie man gute Schuhe macht [und billige noch dazu]. Im selben Jahr bringt ihn ein vom Ministerium bezuschusstes Monatsmagazin nicht auf die Titelseite. Ein Interview – mit wahrscheinlich inhaltlichen Fragen – wird dem Fachmagazin für Aussenpolitik verweigert. Ende 2016 werden die Zahlungen an das Magazin im zweiten Anlauf eingestellt. Das so Eingesparte kann die Privatwirtschaft 2017 im erwarteten Wahlkampf entlasten.

Gier als Menschenrecht

Posted in Miettext with tags on 8. März 2016 by Nikkolo Feuermacher

Ich beginne gleich mit der Antwort: Nein, es existiert nicht. So oft man die Charta der universellen Menschenrechte auch hin und her übersetzt und durchliest: das Menschenrecht auf Gier steht nicht drin.
Wie kommt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dazu ein Urteil in der Frage der Entschädigung von Aktionären in Russland zu fällen?
Weil das Recht auf einen fairen Prozess ein universelles Menschenrecht ist. Könnte zur Begründung angeführt werden. Und die Haare an denen dieses Recht herbeigezogen wird würden schmerzen.
Die Rechtslage für Menschen in Notsituationen und/oder Bedrohung wurde durch
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2015 nachhaltig verschlechtert. Grund dafür ist die Annahme einer Klage von Aktionären, die sich ungerecht enteignet fühlen. Aktionäre (so fern sie überhaupt als Menschen und nicht als Banken, Versicherungen oder Fonds existieren) sind durch eine Enteignung nicht bedroht oder in einer existenziellen Notsituation. Sie fühlen sich in der Regel auch nach einer Entschädigung immer noch ungerecht behandelt, denn sie hatten auf jeden Fall grössere Gewinne erwartet. Sonst hätten sie die Aktien nicht gekauft.
Wer Russland in der Zeit des freien Währungsverfalls auf 2.000.000.000 Euro Entschädigungszahlung an Aktionäre verpflichtet, macht sich als Menschengerichtshof ethisch unglaubwürdig. Und wer sich ethisch unglaubwürdig macht, dessen Urteile werden in Frage gestellt. So geschehen durch das Urteil des (ethisch ebenso fragwürdigen) Russichen Verfassungsgerichts in St.Petersburg im Juli 2015. Während die Aktionäre weltweit weiter jammern und nichts geschieht, ist durch die Entscheidung des Verfassungsgerichts in St. Petersburg eine Rechtslücke entstanden, die Menschen in eine schlechtere Situation bringt als vorher. Entführung, Folter, Mord sind Verbrechen vor denen sie weniger gut geschützt sind.
Wieso hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Verantwortung auf sich geladen? Um sich als Variante zum Schiedsgericht à la ISDS anzudienen? Um sich bei Aktionären beliebt zu machen? Um die Rechte und Pflichten von Menschen zu verwischen und sie mit denen von Staaten, Organisation, Unternehmen gleich zu setzen (wie beim absurden Vergleich von Staatsschulden mit den 5 Euro, die mir meine Nachbarin schuldet)? Wäre letzteres der Fall, dann wäre der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte auf dem Weg eine kriminelle Vereinigung zu werden. Aber wer kann uns eine Antwort auf diese komplexen Fragen gehen? Ein Gerichtshof?

Das Mausoleum von Karl dem Grossen in Karlsruhe

Posted in Miettext with tags , on 2. Dezember 2015 by Nikkolo Feuermacher

Wer heute in Karlsruhe auf den Hauptbahnhof im Süden der Stadt zugeht, erhält ein schwaches Bild des Mausoleums, dem die Stadt ihren Namen verdankt. Die grosse, glänzende Fläche, die sich über den Köpfen der Menschen wölbt (nach Plänen August Stürzenackers), deutet auf einer reduzierten Fläche das Ausmass der Grabstätte Karls des Grossen an. Eine Erinnerungsstätte, ähnlich jener der politischer Grössen der Neuzeit wie Mao oder Lenin.

Karl (747 – 814 AD), später Karl der Erste, Charlemagne oder ab 1000 auch „der Grosse“ genannt, war eine politische Größe. In seiner Zeit und weit darüber hinaus Impuls und Vorbild. Durch sein politisches Geschick gelingt es ihm, weite Bereiche des heutigen Europa zu kontrollieren.
Mittels Kriegen versucht er, u.a. die Sachsen zum Christentum zu zwingen (772 – 804), was ihm die Anerkennung und Unterstützung der christlichen Kirche sichert. So krönt ihn Papst Leo der Dritte Weihnachten 800 zum ersten Kaiser seit der Antike.
Er beendet die Selbständigkeit Bayerns (788), und legt mit seinem Markensystem (seit 774) u.a. die Grundidee des Dubliner Übereinkommens der Europäischen Union (1997 ).
Ehe er 814 an einer Blinddarmentzündung stirbt (in manchen Quellen wird eine Vergiftung erwähnt), hat er bereits 786 den Grundstein seines Mausoleums Karls-Ruhe gelegt. Für sein Unternehmen stellt ihm Harun-ar-Raschid (Abbasiden / ‏العبّاسي‎ / al-‘Abbāsīyūn – Kalif, 786 – 809), bewährte Baumeister und Handwerker zur Vergügung, die beim Bau von Bagdad (ab 762) entsprechende Referenzen erworben haben.
Die letzten Jahrzehnte seiner Herrschaft widmet Karl dem Kampf um sein politisches und physisches Überleben in Gesellschaft aggressiver Thronfolger.
781 kann er dem Tod entgehen, indem er seinen Sohn Ludwig zum Mitkaiser ernennt. 792 scheitert Sohn Pippin mit einem Putsch-Versuch. 806 verfasst Karl ein Testament mit einem Reichsteilungsplan (Divisio Regnorum), um die andauernden Streitigkeiten durch ein schriftliches Machtwort zu befrieden.
Bereits in diesen Jahren spielt die Kontrolle seines Grabes eine Rolle im Ringen um Macht und Deutungshoheit.
Karls eigenmächtige Ernennung des Mitkaisers steht dem Interesse des Papstes (Stichwort: einzige Alleinvertretung auf Erden) konträr entgegen. Ebenso Karls Lebenswandel mit zahlreichen, öffentlichen Konkubinaten parallel zur christlich getrauten Ehe. Als er seinen homosexueller Sohn Karl den Jüngeren als Nachfolger vorschlägt, schliesst die Kirche dessen Thronfolge aus. Um die Stimmung zu verbessern, schenkt Karl dem Aachener Dom einen erbeuteten römischen Sarkophag (Proserpina-Sarkophag, 220 AD). Aus dieser symbolischen Geste leitet sich später die irrige Annahme her, Karl wäre im Dom beigesetzt.
Tatsächlich wird Karl 814 in seinem, nach 14-jähriger Bauzeit 810 fertig gestellten, Mausoleum Karls-Ruhe bestattet.
Die Geschichtsschreiber seiner Tage sind jedoch Mönche. Nur sie können schreiben und lesen. So bleibt die Wahrheit über Karls Mausoleum in den kirchlichen Annalen undokumentiert. Weitere Versuche, das Grab Karls nachträglich in den Dom, also unter die Kontrolle der Kirche zu bringen, sind belegt: Etwa die Heiligsprechung Karls 1165 durch Papst Paschalis den Dritten. Friedrich der Erste lässt dazu Gebeine aus der Pfalzkapelle in den Aachener Dom bringen.
1215 legt sein Großenkel Friedrich der Zweite diese Knochen in einen von ihm gestifteten Karlsschrein, um im Deutschen Thronstreit Fakten zu schaffen.

Karls Mausoleum Karls-Ruhe wurde auf der Fläche des heutigen Stadtgebiets des gleichnamigen Ortes erbaut und sollte, wie die Fläche Europas die er beherrschte und auch sein Kaisertum, gigantische Ausmasse haben. Der Ortsteil Karls-Knie-Liege „Knielingen“ ist ein Beleg für das Geschichtsbewusstsein der einheimischen Bevölkerung, in dem sich auch die Opposition zur Kirche ausdrückt. Der widerständige Karl bleibt den Anwohnern seines Mausoleums unvergessen.
1525 schliessen sich die Karlsruher Bauern den Aufständischen in den Bauerkriegen (1524-26) an. 1556 werden die Gebiete wieder christianisiert, diesmal protestantisch.

Ungezählte europäische Kaiser und Könige berufen sich auf Karls Nachfolge und als seine Erben.
1565 verlegt Markgraf Karl der Zweite von Pforzheim seine Residenz nahe an das Mausoleum, um damit die Nachfolge Karls herzuleiten. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wird die Grabstätte jedoch weitgehend zerstört. 1715 will Karl Wilhelm von Durlach die Ruinen des Mausoleums und damit die Nachfolgerschaft Karls für sich in Anspruch nehmen. Sein ehrgeiziger Plan nutzt die Reste des Bauwerkes für eine barocke Planstadt. Von diesem Ort aus gelingt es Karl Wilhelms Erben, die Kontrolle über das Land Baden (bis 1945 selbständig) aufzubauen. Karls-Ruhe ist seit 1950 Bundesgerichtshof des Europäischen Mitgliedsstaates Deutschland.

Karls Mausoleum liegt für die Besuchenden des 21. Jahrhunderts weiterhin wie eine Vision über der Stadt, zwischen Knielingen und dem Hauptbahnhof.

Bezwinge das Grosse so lange es noch klein ist

Posted in Miettext with tags on 24. November 2015 by Nikkolo Feuermacher

Samstag Abend in Herxheim / Pfalz, also im Theatersaal von Chawwerusch. Gerade noch einen Platz ergattert für die Abendvorstellung von Braun werden. Die acht Leute hinter mir werden wieder nach Hause geschickt und auf einen anderen Tag vertröstet. Ausverkauft! Wie ist das möglich bei einem Thema vor dem sich jedeR drückt und gerne wegschaut? Ohne Chance auf Quote – wenn wir den Medien glauben.
Das von den jungen Schauspielenden der Expedition Chawwerusch [2] gewählte Plot von Michael Bauer hatte es auch theaterintern nicht leicht. Und doch entschied sich das Kollektiv gegen die scheinbaren finanziellen Zwänge, für das heisse Eisen, das keiner gerne in der Hand hat, geschweige denn in den Mund nimmt: Rechtsradikale in Deutschland.
Die Familie ist die Keimzelle des Faschismus. Dieser Satz trifft Heute genauso wie vor 85 Jahren. Ohne den Beitrag von Frauen gibt es keine gesellschaftliche Entwicklung. Vielleicht halten Männer ihre Glatzen hin, aber die Strippen an denen die Glatzen hängen ziehen traditionell Frauen. Das macht Regisseurin Esther Steinbrecher [1] nicht nur mit der Besetzung deutlich: zwei Frauen, ein Mann. Der inszenierte Tanz durch das Familienidyll zeigt es uns überdeutlich.
Humor als Werkzeug gegen die Humorlosigkeit der Hassprediger und Menschenmörder? Natürlich ist die rechte Szene nicht humorlos: da gibt es die Schadenfreude genauso wie die Herabwürdigung. Was aber einen echten Schmäh [Humor – 4] ausmacht sind Selbstironie und Rollenambiguität. Das ist Kultursache. Was einem IS oder einer AfD fehlt ist die Fähigkeit über sich selbst zu lachen, andere immer noch sympathisch und nah zu finden wenn man über sie lacht.
Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe,… Die Komödie ist eine Mausefalle, in die das Publikum immer wieder gerät … könnte nach Dürrenmatts Dramentheorie [5] gefolgert werden. Aber das Publikum fühlt sich nicht in der Mausefalle. Besonders der Schluss von Braun werden verdeutlicht das: Da klappt nichts zu und klemmt. Da bleibt kein Scharz-Weiss-Bild stehen. Wer die Welt in Gute und Böse aufgeteilt haben möchte, hat das Denken der Schmähstaaten [Humorlosen – 4] noch nicht verlassen.
Die Vielschichtigkeit des Stückes, mit seinen ungezählten versteckten Ostereiern aus der realen NSU-Tragödie der deutschen Ermittlungsbehörden von Heute, bleibt dem unwissenden Wiener [4] glücklicherweise zum Nachlesen erspart. Auch ohne Vorbereitung ist das Stück voll geniessbar. Bei aller Schwere des Themas bleibt es immer leicht und flott genug um es zu besuchen oder nach zu inszenieren [3]. Das Publikum hat recht.

Anmerkungen:
[1] Esther Steinbrecher ist Regisseurin und Autorin der kippenden Komödie.
[2] Stephan Wriecz und Miriam Grimm; Gast: Monika Kleebauer.
[3] Das Stück wurde für das Ensemble geschrieben, lässt sich aber auch in anderen Ländern unterhaltsam inszenieren. Das Skript liegt bei Chawwerusch.
[4] Nikkolo Feuermacher sendet aus Wien.
[5] Friedrich Dürrenmatt, Theaterproblem, Neuenburg / Schweiz, 1955

Freunde der Radioaktivität

Posted in Miettext with tags on 16. November 2015 by Nikkolo Feuermacher

15. November 2015, 11:00 Uhr im Wiener Konzerthaus. Der österreichische Bundespräsident hat das diplomatische Corps, Freunde und Bekannte eingeladen um der UNO zu gedenken [2]. Jener Organisation Vereinte Nationen, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts Kriege verhindern soll. Es ist der Jahrestag des österreichischen UN-Beitritts von 1955. Gleich zu Beginn der Rede eine Schweigeminute für die jüngsten Opfer der Selbstmordanschläge in Paris vor wenigen Tagen. Das mit dem Kriege verhindern scheint immer noch nicht optimal zu funktionieren. Staatsakt am Sonntag Vormittag vor Konzert und Sonntagsbraten – ganz wienerisch. Zufällig hat der Dirigent auch noch Geburtstag und bekommt einen Blumenstrauss. Es ist gut geheizt. Musiziert wird im schwarzen Anzug.
Ban Ki-moon, Generalsekretär der UN, ist leider verhindert – und jetzt wirds interessant – ihn vertritt Yukiya Amano, Generaldirektor der Welt-Werbeagentur für Atomanlagen (IAEA, aktueller Werbespruch: Atoms for Peace and Development). Ein Mann, der die weltweite Verbreitung von Atomanlagen mit der Verbreitung von Frieden gleichsetzt. Er ist seit 2009 auf dem Posten (zwei Jahre VOR Fukushima) und sieht immer noch zu wie sich die Radioaktivität von dort aus weiter verbreitet [1].
Wir sind nicht auf einem Seniorentreffen, wo sich die alten Freunde mal wieder auf die Schultern klopfen und zurückblicken, sondern bei einem Staatsakt. Und was heisst das für die UN? Für die Verbreitung des Friedens?
Ohne die Zivilgesellschaft läuft NICHTS und die Zeit verrinnt!
Gespielt wird dann übrigens die neunte von Mahler.

Anmerkungen:
[1] Kanada und USA rechnen mit einer Zunahme der radioaktiven Belastung ihrer pazifischen Küsten bis mindestens 2016.
[2] Zahlende Gäste waren auch zugelassen.