Grillmaster gegen Rechts

Posted in Miettext with tags , on 5. März 2018 by Nikkolo Feuermacher

Grillmaster gegen Rechts, alle Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018Protokoll der Gründungsversammlung der „Grillmaster gegen Rechts“ am 7. März 2018

Peter*, Paul, Steffl und der Bert sitzen im Nebenzimmer eines Kaffeehauses am Stubenring.

Peter: Jetzt samer schon a viertel Stund über der Zeit, pack mers an.
Paul: Cum Tempore. Die Akademiker ham ihr Chancen ghabt.
Steffl: Da Ernstl und da Sigi komman af jeden Foi no. Moment – da Sigi schreibt mir grad afs Telefon, dass sei Oide ihn noch länger braucht. Mir solln ihm halt ausrichten was woa. Er warad af jeden Foi dabei – schreibter.
Peter: Ihr habts doch bestimmt alle scho von die Omas gegen Rechts ghört. I habs euch eh im meim Mailing gschriebn: Mia Opas miasaten a was geng Rechts tuan.
Paul: Moment, moment mit denen Opa – ich hob goa kane Kinda, da kanni oiso ka Opa …
Peter: Di Omas gegen Rechts ham ganz gloa a net ole zwingand Kinda oda Enkl vo da eigenen Genbrut, des warat ois wemma des Mutterkraiz vorleng miasat, …
Bertl: Es is nix verkehrts dron, wemma Kinda hot.
Peter: Natirli. Oba Hauptsach: Mia engagiern uns politisch. Di Omas hamscho ongfangan, …
Bertl: Ma muas ned ois doa was d’Oma duat …
Peter: Lass mi redn Oida!
Paul: Mia miassadn a Politisches Engagement zeign – in Zeiten wie diesen. Es san Lait am Pouvoir, die mi an di Zeit vo meine Opa derinnern. Des fallt uns aufn Schedl. Mir sand hait do um a Initiative geng Rechts zu starten. No samma klein an Zoi, oba mia wern täglich mehr Besorgte, Belogne, Betrogne.
Bertl: Politisch passt. Oba hammia uns verstandn das des geng Rechts sai muas? Du redsd grad vo deim Opa – da meinige hat mer derzöhlt: ba der Hitlerjugend woas ned so verkehrt – di Lagerfaier warn urlaiwand.
Peter: Bert, hoit de Bapn oda schlaich di.
Bert schweigt.
Paul: Di unserige Initiative soi so fui Lait zamabringan wias na geht. Wann des a boa mea san wia bade Omas warads ned vakehrt.
Steffl: Da Ernstl schreibt ma, dasser vo seina Frau a rote Haubm gstrickt kriagt hod un liaba mit ihra zammen af di Demos gäht. Sei Frau hat eam gsagt: wanna si hoibwegs gut rasiert, fallta unta de Omas eh ned auf. Den sengma nimma.
Paul: Menna hoids zamman – mia gründen edzd di UNSERIGE Initiative. Hoid ohne eam. Mia sand immano fimpfe – midm Sigi. I schlog vua: Opas …
Bertl: I hau mi übad Stieng.
Peter: Schlog wos bessas vua.
Bertl: Autofahrer – vo miaus gegen Rechts. Da fühln se viele ogsprochn und na machens mid.
Paul: Autofahrer is ma zu Wischiwaschi.
Steffl: Da Sigi sogt Heimwerker gegen Rechts warad urlaiwand. Des gspiert se richtig on, da sand urvüle angsprochen und dabei. Und mia zeign ganz kloa: Heimwerker sand kane Dodeln, oba urpraktisch, engagiert, politisch, a Bewegung.
Peter: I sogat Grillmaster gegen Rechts?
Bertl: Da warad I glai dabei, des erinnat mi an Faia und es is urgmiatli.
Steffl: I muas üba de Foida, af mi woad nu wer. Grillmaster gegen Rechts passd – is edza suppa Arbeitstitel.
Paul: Urguad kannimia des vorstön: olle Grillmaster gegen Rechts mitam erhobenen roten Grillhandschuh af der Demo. Des haut uns fire. Da bleibt de Omas di Bapn offn.
Peter: Guat, i schreib denen Omas schonamoi, dass mera was machn. Ned dasd glaubn mir Opas waradn senil.
Bertl: Opas gegen Rechts warad blos a Kopie gwesn – a grindige – da hättemi scheniert. Grillmaster gegen Rechts hot wos aigenes, i sehmia scho voam geistigen Auge den unsrigen Block formiern af der Demo.
Peter: I schreib nu des Protokoi und schicks aich zuawe.
Paul: Mir is a Grafiker bekannt, der weat uns wos mochn.
Steffl ist schon gegangen.
Bertl: Habe die Ehre.

*Alle Namen geändert, Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Heimwerker gegen Rechts, alle Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018Autofahrer gegen Rechts, alle Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018

Wir schaffen Feudalismus

Posted in Miettext with tags , , on 20. Februar 2018 by Nikkolo Feuermacher

imperiale lebensweise wird in wien 2018 wieder gross geschrieben.

Was ist Feudalismus? Eine Gesellschaftsordnung in der Menschen nach ihrer Geburt (Wer ist der Vater? ist die alles entscheidende Frage.) eingeordnet werden: in reiche und arme, arbeitende und nicht arbeitende, Geld ausgebende und bettelnde. Sie wirkt auf den ersten Blick stabil und erprobt. Allerdings zeigt uns die Geschichte, dass Kompetenz, gute Ideen, Innovation, Kreativität, Menschlichkeit usw. nicht gut auf so einem Nährboden wachsen.
Beispiel: Auf einem Tisch liegen zwölf Kekse, am Tisch sitzen drei Personen. Im Feudalismus nimmt sich eine Person neun Kekse und sagt zu seinem Nachbarn: „Pass auf, dass Dir der andere nicht Deinen zweiten Keks wegnimmt.“ Von der einen Ungerechtigkeit wird durch eine andere abgelenkt. UND: derjenige der sich neun Kekse nimmt, bekommt deshalb (weil er das aus seinem Recht auf neun Kekse ableitet) besseren Zugang zu Schulen und Ausbildungsstellen, zahlt weniger für seinen Wohnraum, bekommt günstigere Kredite, bessere Krankenversorgung, zahlt weniger Steuern, erhält kostenlos mehr öffentlichen Raum zur Verfügung und redet bei Entscheidungen lauter mit. Wenn jemand zu ihm sagt: „Es ist ungerecht, dass Du neun Kekse bekommst und ich nur einen.“ Antwortet er im freundlichsten Fall: „Dann setze ich mich zu anderen zwei Leuten an den Tisch, die mir elf gönnen und sich jeweils um ihren halben Keks streiten.“ Leider geht das als Antwort durch.
Das ist Feudalismus. Dass wir in einer solchen Gesellschaftsform leben, damit müssen alle einverstanden sein. Und scheinbar sind sie das, denn auf demokratischem Weg wurden genau die Parteien gewählt, die es der Person mit den neun Keksen recht machen.

Wer hier einwendet: „Aber das beschriebene ist doch nicht Österreich, wir leben doch in einer Leistungsgesellschaft, wo nach Leistung bezahlt wird und nicht nach Geburt.“ sollte ein wenig nachdenken. Sicherlich ist es richtig, dass ständig Wettbewerbe stattfinden: um den ersten Platz an der Supermarktkassa, um die Pool-Position an der Ampel usw. Aber Leistung wirkt sich nicht darauf aus ob man bequem lebt oder unbequem. Zum Beispiel bekommt ein Anlageberater bei einer Bank viel Geld bezahlt – ob er nun schlecht oder gut berät spielt keine Rolle. Dagegen bekommt eine Kinderbetreuerin wenig Geld bezahlt – egal ob sie viel Engagement bringt oder weniger. Leistung spielt wirklich keine Rolle.
Wer in eine Familie geboren ist, in der viel Besitz gesammelt wurde, wird viel Geld ausgeben können, egal ob er jemals eine Leistung erbringt. Wer in eine Familie geboren wurde in der kein Besitz gesammelt werden konnte, wird nicht viel Geld ausgeben können, egal wie er/sie sich anstrengt. Da gibt es sicherlich einen kleinen Spielraum, aber der ist nur Teil des Wettbewerb-Spiels um Druck zu erzeugen und das Nachdenken zu verhindern, aber er ist nicht wirklich verändernd. Es wird allen erzählt: „Du kannst reich werden!“, „Du bist eigentlich reich, denn Du hast etwas zu verlieren (an diejenigen, die nur einen halben Keks haben)!“ Aber die Leistungsgeschichte ist nachweislich eine Lüge (siehe Literaturliste* unten).
Beispiel: Wenn ich arbeite wird mein Verdienst mit 50% besteuert, wenn ich Handel treibe mit 20%, wenn ich Geld erbe mit 0%. Einnahmen aus Besitz wachsen in den letzten Jahrzehnten wieder schneller als Einnahmen aus Arbeit.*
Die österreichische Gesellschaft hat als Verabredung: dass sich die Menschen im Land über das Wählen von Parteien darüber einigen wie in der Gesellschaft Gerechtigkeit hergestellt wird. So schaffen es so viele Menschen gemeinsam an einem Ort zu leben, friedlich, vertrauensvoll und freundlich miteinander umzugehen.

Wie ist die Stimmung in einer Dreier-Gruppe in der eineR neun, eineR zwei und eineR einen Keks bekommt? Unfreundlich, unsolidarisch und zunehmend aggressiv. Eine Gesellschaft ist dann friedlich, wenn IN ihr Frieden herrscht und nicht dann wenn viel Polizei patroulliert, überall Kameras hängen und die Gefängnisse voll sind.
Ein Land wie die USA (aus mir unerklärlichen Gründen oft als Beispiel für ein gutes Land genannt, weshalb ich es hier überhaupt erwähne) hat Standards in der Keksverteilung, dem Umgang mit Menschenrechten, der Krankenversorgung, dem Bildungs- und Rechtssystem, dass es lange im Anwärterstatus warten müsste ehe ernsthaft darüber gesprochen würde ob es in die Europäische Union aufgenommen werden könnte. So niedrig sind die Standards dort. Wer Österreich mit den USA vergleicht, will auf jeden Fall die Standards in Österreich senken und die Kekse noch ungerechter verteilen.

Wer 2017 die Wahlplakate in Österreich gelesen hat wusste: es geh um die effektive Zunahme der Ungerechtigkeit in der Keksverteilung „jetzt oder nie“und ein klares JA zum Feudalismus „Erbschaftssteuer ist unfair“.
Wenn es jetzt in Österreich feudaler wird: also wenige Menschen immer reicher werden ohne etwas dafür tun zu müssen – und viele Menschen immer ärmer ohne etwas dagegen tun zu können, dann wird es auch aggressiver. Die Gewalt wird zunehmen, die Aggression sich vergrössern (Hassprediger helfen dabei), mehr Menschen werden verletzt werden. Und die Gefahr verletzt zu werden nimmt für ALLE Menschen in der Gesellschaft zu. Aus dieser Gefahr kann man sich nicht freikaufen.

Feudaler Lebensstil oder Imperial Living sind für ALLE dumm und gefährlich. Also: bitte sofort ändern.

 

*Literaturliste (zum üÜberprüfen der Aussagen):

  • Handbuch Reichtum, Nikolaus Dimmel, Julia Hofmann, Martin Schenk, Martin Schürz (Hrsg.), Innsbruck 2017
  • Das Kapital im 21. Jahrhundert, Thomas Piketty, München 2014
  • Wie Reiche denken und lenken, Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schillinger, Zürich 2010
  • Wir Erben, Julia Friedrichs, Berlin 2015

Diese Bücher gibt es kostengünstig auszuleihen in öffentlichen Bibliotheken.

kurz gedacht am 14. mai (muttertag) 2017

Posted in Miettext on 14. Mai 2017 by Nikkolo Feuermacher

vergangene woche haben in österreich zwei ähnliche ereignisse den weg in die fernsehnachrichten gefunden: ein mann nimmt einen taxifahrer als geisel und blockiert sechs stunden lang mit schusswaffe und sprengstoffdrohung die raiffeisenbank und den benachbarten kindergarten von erpfendorf. der andere mann nimmt eine volkspartei als geisel und blockiert jede inhaltliche politische entwicklung – vielleicht für jahre – mit einer ermächtigungsforderung.
beide männer lieben das gefühl von macht. beide sind im umgang mit anderen menschen nicht zimperlich. beide wählen statt der wertschätzung ihrer mitmenschen den moment völliger hybris: ICH diktiere die bedingungen, ICH sage was geht, ICH bin wichtig.
beide ereignisse sind lackmustests unserer gemeinschaft von menschen. offensichtlich wird hier nicht das ziel der friedvollen gemeinsamkeit gesucht, sondern das eines grossen ICH – im setzkasten neben anderen. beide männer bekommen eine grosse bühne und werden ernst genommen. warum eigentlich? aus langeweile? aus angst? weil sich niemand mit den nachhaltigen aktuellen problemen beschäftigen möchte?
wem nutzt diese situation? den zuschauerINNEn, die wieder einmal bestätigt bekommen: wer am lautesten ICH ICH ICH schreit, auf den schauen alle? wer stielt den schaulustigen dabei gerade das portemonaie aus der tasche? welche nachhaltigen entscheidungen standen vergangene woche an? wie sind die ausgegangen?
UND: in welcher erzählungs-schleife hängen hier die werbetexter? hauptsache hart, hauptsache einer der irgendwelche entscheidungen herbeizwingt, hauptsache ein ende der freundlichkeiten? mit führern und kaisern sind doch schon weit mehr schlechte erfahrungen gesammelt worden als beispielsweise mit ngo’s?
menschen, die andere menschen verachten und gleichzeitig nach grösstmöglicher macht streben sind ein klassiker – der menscheitsgeschichte. was echt verwundern darf: dass nach so viel dokumentierter menschheitsgeschichte die anziehungskraft von „ich habe keine ahnung, aber ich will gern alles entscheiden“ – persönlichkeiten gross ist. sie werden zu klassensprechern, parteivorsitzenden, kanzlern und präsidenten oder auch nicht.

Gier als Menschenrecht

Posted in Miettext with tags on 8. März 2016 by Nikkolo Feuermacher

Ich beginne gleich mit der Antwort: Nein, es existiert nicht. So oft man die Charta der universellen Menschenrechte auch hin und her übersetzt und durchliest: das Menschenrecht auf Gier steht nicht drin.
Wie kommt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dazu ein Urteil in der Frage der Entschädigung von Aktionären in Russland zu fällen?
Weil das Recht auf einen fairen Prozess ein universelles Menschenrecht ist. Könnte zur Begründung angeführt werden. Und die Haare an denen dieses Recht herbeigezogen wird würden schmerzen.
Die Rechtslage für Menschen in Notsituationen und/oder Bedrohung wurde durch
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2015 nachhaltig verschlechtert. Grund dafür ist die Annahme einer Klage von Aktionären, die sich ungerecht enteignet fühlen. Aktionäre (so fern sie überhaupt als Menschen und nicht als Banken, Versicherungen oder Fonds existieren) sind durch eine Enteignung nicht bedroht oder in einer existenziellen Notsituation. Sie fühlen sich in der Regel auch nach einer Entschädigung immer noch ungerecht behandelt, denn sie hatten auf jeden Fall grössere Gewinne erwartet. Sonst hätten sie die Aktien nicht gekauft.
Wer Russland in der Zeit des freien Währungsverfalls auf 2.000.000.000 Euro Entschädigungszahlung an Aktionäre verpflichtet, macht sich als Menschengerichtshof ethisch unglaubwürdig. Und wer sich ethisch unglaubwürdig macht, dessen Urteile werden in Frage gestellt. So geschehen durch das Urteil des (ethisch ebenso fragwürdigen) Russichen Verfassungsgerichts in St.Petersburg im Juli 2015. Während die Aktionäre weltweit weiter jammern und nichts geschieht, ist durch die Entscheidung des Verfassungsgerichts in St. Petersburg eine Rechtslücke entstanden, die Menschen in eine schlechtere Situation bringt als vorher. Entführung, Folter, Mord sind Verbrechen vor denen sie weniger gut geschützt sind.
Wieso hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Verantwortung auf sich geladen? Um sich als Variante zum Schiedsgericht à la ISDS anzudienen? Um sich bei Aktionären beliebt zu machen? Um die Rechte und Pflichten von Menschen zu verwischen und sie mit denen von Staaten, Organisation, Unternehmen gleich zu setzen (wie beim absurden Vergleich von Staatsschulden mit den 5 Euro, die mir meine Nachbarin schuldet)? Wäre letzteres der Fall, dann wäre der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte auf dem Weg eine kriminelle Vereinigung zu werden. Aber wer kann uns eine Antwort auf diese komplexen Fragen gehen? Ein Gerichtshof?

Das Mausoleum von Karl dem Grossen in Karlsruhe

Posted in Miettext with tags , on 2. Dezember 2015 by Nikkolo Feuermacher

Wer heute in Karlsruhe auf den Hauptbahnhof im Süden der Stadt zugeht, erhält ein schwaches Bild des Mausoleums, dem die Stadt ihren Namen verdankt. Die grosse, glänzende Fläche, die sich über den Köpfen der Menschen wölbt (nach Plänen August Stürzenackers), deutet auf einer reduzierten Fläche das Ausmass der Grabstätte Karls des Grossen an. Eine Erinnerungsstätte, ähnlich jener der politischer Grössen der Neuzeit wie Mao oder Lenin.

Karl (747 – 814 AD), später Karl der Erste, Charlemagne oder ab 1000 auch „der Grosse“ genannt, war eine politische Größe. In seiner Zeit und weit darüber hinaus Impuls und Vorbild. Durch sein politisches Geschick gelingt es ihm, weite Bereiche des heutigen Europa zu kontrollieren.
Mittels Kriegen versucht er, u.a. die Sachsen zum Christentum zu zwingen (772 – 804), was ihm die Anerkennung und Unterstützung der christlichen Kirche sichert. So krönt ihn Papst Leo der Dritte Weihnachten 800 zum ersten Kaiser seit der Antike.
Er beendet die Selbständigkeit Bayerns (788), und legt mit seinem Markensystem (seit 774) u.a. die Grundidee des Dubliner Übereinkommens der Europäischen Union (1997 ).
Ehe er 814 an einer Blinddarmentzündung stirbt (in manchen Quellen wird eine Vergiftung erwähnt), hat er bereits 786 den Grundstein seines Mausoleums Karls-Ruhe gelegt. Für sein Unternehmen stellt ihm Harun-ar-Raschid (Abbasiden / ‏العبّاسي‎ / al-‘Abbāsīyūn – Kalif, 786 – 809), bewährte Baumeister und Handwerker zur Vergügung, die beim Bau von Bagdad (ab 762) entsprechende Referenzen erworben haben.
Die letzten Jahrzehnte seiner Herrschaft widmet Karl dem Kampf um sein politisches und physisches Überleben in Gesellschaft aggressiver Thronfolger.
781 kann er dem Tod entgehen, indem er seinen Sohn Ludwig zum Mitkaiser ernennt. 792 scheitert Sohn Pippin mit einem Putsch-Versuch. 806 verfasst Karl ein Testament mit einem Reichsteilungsplan (Divisio Regnorum), um die andauernden Streitigkeiten durch ein schriftliches Machtwort zu befrieden.
Bereits in diesen Jahren spielt die Kontrolle seines Grabes eine Rolle im Ringen um Macht und Deutungshoheit.
Karls eigenmächtige Ernennung des Mitkaisers steht dem Interesse des Papstes (Stichwort: einzige Alleinvertretung auf Erden) konträr entgegen. Ebenso Karls Lebenswandel mit zahlreichen, öffentlichen Konkubinaten parallel zur christlich getrauten Ehe. Als er seinen homosexueller Sohn Karl den Jüngeren als Nachfolger vorschlägt, schliesst die Kirche dessen Thronfolge aus. Um die Stimmung zu verbessern, schenkt Karl dem Aachener Dom einen erbeuteten römischen Sarkophag (Proserpina-Sarkophag, 220 AD). Aus dieser symbolischen Geste leitet sich später die irrige Annahme her, Karl wäre im Dom beigesetzt.
Tatsächlich wird Karl 814 in seinem, nach 14-jähriger Bauzeit 810 fertig gestellten, Mausoleum Karls-Ruhe bestattet.
Die Geschichtsschreiber seiner Tage sind jedoch Mönche. Nur sie können schreiben und lesen. So bleibt die Wahrheit über Karls Mausoleum in den kirchlichen Annalen undokumentiert. Weitere Versuche, das Grab Karls nachträglich in den Dom, also unter die Kontrolle der Kirche zu bringen, sind belegt: Etwa die Heiligsprechung Karls 1165 durch Papst Paschalis den Dritten. Friedrich der Erste lässt dazu Gebeine aus der Pfalzkapelle in den Aachener Dom bringen.
1215 legt sein Großenkel Friedrich der Zweite diese Knochen in einen von ihm gestifteten Karlsschrein, um im Deutschen Thronstreit Fakten zu schaffen.

Karls Mausoleum Karls-Ruhe wurde auf der Fläche des heutigen Stadtgebiets des gleichnamigen Ortes erbaut und sollte, wie die Fläche Europas die er beherrschte und auch sein Kaisertum, gigantische Ausmasse haben. Der Ortsteil Karls-Knie-Liege „Knielingen“ ist ein Beleg für das Geschichtsbewusstsein der einheimischen Bevölkerung, in dem sich auch die Opposition zur Kirche ausdrückt. Der widerständige Karl bleibt den Anwohnern seines Mausoleums unvergessen.
1525 schliessen sich die Karlsruher Bauern den Aufständischen in den Bauerkriegen (1524-26) an. 1556 werden die Gebiete wieder christianisiert, diesmal protestantisch.

Ungezählte europäische Kaiser und Könige berufen sich auf Karls Nachfolge und als seine Erben.
1565 verlegt Markgraf Karl der Zweite von Pforzheim seine Residenz nahe an das Mausoleum, um damit die Nachfolge Karls herzuleiten. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wird die Grabstätte jedoch weitgehend zerstört. 1715 will Karl Wilhelm von Durlach die Ruinen des Mausoleums und damit die Nachfolgerschaft Karls für sich in Anspruch nehmen. Sein ehrgeiziger Plan nutzt die Reste des Bauwerkes für eine barocke Planstadt. Von diesem Ort aus gelingt es Karl Wilhelms Erben, die Kontrolle über das Land Baden (bis 1945 selbständig) aufzubauen. Karls-Ruhe ist seit 1950 Bundesgerichtshof des Europäischen Mitgliedsstaates Deutschland.

Karls Mausoleum liegt für die Besuchenden des 21. Jahrhunderts weiterhin wie eine Vision über der Stadt, zwischen Knielingen und dem Hauptbahnhof.

Bezwinge das Grosse so lange es noch klein ist

Posted in Miettext with tags on 24. November 2015 by Nikkolo Feuermacher

Samstag Abend in Herxheim / Pfalz, also im Theatersaal von Chawwerusch. Gerade noch einen Platz ergattert für die Abendvorstellung von Braun werden. Die acht Leute hinter mir werden wieder nach Hause geschickt und auf einen anderen Tag vertröstet. Ausverkauft! Wie ist das möglich bei einem Thema vor dem sich jedeR drückt und gerne wegschaut? Ohne Chance auf Quote – wenn wir den Medien glauben.
Das von den jungen Schauspielenden der Expedition Chawwerusch [2] gewählte Plot von Michael Bauer hatte es auch theaterintern nicht leicht. Und doch entschied sich das Kollektiv gegen die scheinbaren finanziellen Zwänge, für das heisse Eisen, das keiner gerne in der Hand hat, geschweige denn in den Mund nimmt: Rechtsradikale in Deutschland.
Die Familie ist die Keimzelle des Faschismus. Dieser Satz trifft Heute genauso wie vor 85 Jahren. Ohne den Beitrag von Frauen gibt es keine gesellschaftliche Entwicklung. Vielleicht halten Männer ihre Glatzen hin, aber die Strippen an denen die Glatzen hängen ziehen traditionell Frauen. Das macht Regisseurin Esther Steinbrecher [1] nicht nur mit der Besetzung deutlich: zwei Frauen, ein Mann. Der inszenierte Tanz durch das Familienidyll zeigt es uns überdeutlich.
Humor als Werkzeug gegen die Humorlosigkeit der Hassprediger und Menschenmörder? Natürlich ist die rechte Szene nicht humorlos: da gibt es die Schadenfreude genauso wie die Herabwürdigung. Was aber einen echten Schmäh [Humor – 4] ausmacht sind Selbstironie und Rollenambiguität. Das ist Kultursache. Was einem IS oder einer AfD fehlt ist die Fähigkeit über sich selbst zu lachen, andere immer noch sympathisch und nah zu finden wenn man über sie lacht.
Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe,… Die Komödie ist eine Mausefalle, in die das Publikum immer wieder gerät … könnte nach Dürrenmatts Dramentheorie [5] gefolgert werden. Aber das Publikum fühlt sich nicht in der Mausefalle. Besonders der Schluss von Braun werden verdeutlicht das: Da klappt nichts zu und klemmt. Da bleibt kein Scharz-Weiss-Bild stehen. Wer die Welt in Gute und Böse aufgeteilt haben möchte, hat das Denken der Schmähstaaten [Humorlosen – 4] noch nicht verlassen.
Die Vielschichtigkeit des Stückes, mit seinen ungezählten versteckten Ostereiern aus der realen NSU-Tragödie der deutschen Ermittlungsbehörden von Heute, bleibt dem unwissenden Wiener [4] glücklicherweise zum Nachlesen erspart. Auch ohne Vorbereitung ist das Stück voll geniessbar. Bei aller Schwere des Themas bleibt es immer leicht und flott genug um es zu besuchen oder nach zu inszenieren [3]. Das Publikum hat recht.

Anmerkungen:
[1] Esther Steinbrecher ist Regisseurin und Autorin der kippenden Komödie.
[2] Stephan Wriecz und Miriam Grimm; Gast: Monika Kleebauer.
[3] Das Stück wurde für das Ensemble geschrieben, lässt sich aber auch in anderen Ländern unterhaltsam inszenieren. Das Skript liegt bei Chawwerusch.
[4] Nikkolo Feuermacher sendet aus Wien.
[5] Friedrich Dürrenmatt, Theaterproblem, Neuenburg / Schweiz, 1955

Freunde der Radioaktivität

Posted in Miettext with tags on 16. November 2015 by Nikkolo Feuermacher

15. November 2015, 11:00 Uhr im Wiener Konzerthaus. Der österreichische Bundespräsident hat das diplomatische Corps, Freunde und Bekannte eingeladen um der UNO zu gedenken [2]. Jener Organisation Vereinte Nationen, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts Kriege verhindern soll. Es ist der Jahrestag des österreichischen UN-Beitritts von 1955. Gleich zu Beginn der Rede eine Schweigeminute für die jüngsten Opfer der Selbstmordanschläge in Paris vor wenigen Tagen. Das mit dem Kriege verhindern scheint immer noch nicht optimal zu funktionieren. Staatsakt am Sonntag Vormittag vor Konzert und Sonntagsbraten – ganz wienerisch. Zufällig hat der Dirigent auch noch Geburtstag und bekommt einen Blumenstrauss. Es ist gut geheizt. Musiziert wird im schwarzen Anzug.
Ban Ki-moon, Generalsekretär der UN, ist leider verhindert – und jetzt wirds interessant – ihn vertritt Yukiya Amano, Generaldirektor der Welt-Werbeagentur für Atomanlagen (IAEA, aktueller Werbespruch: Atoms for Peace and Development). Ein Mann, der die weltweite Verbreitung von Atomanlagen mit der Verbreitung von Frieden gleichsetzt. Er ist seit 2009 auf dem Posten (zwei Jahre VOR Fukushima) und sieht immer noch zu wie sich die Radioaktivität von dort aus weiter verbreitet [1].
Wir sind nicht auf einem Seniorentreffen, wo sich die alten Freunde mal wieder auf die Schultern klopfen und zurückblicken, sondern bei einem Staatsakt. Und was heisst das für die UN? Für die Verbreitung des Friedens?
Ohne die Zivilgesellschaft läuft NICHTS und die Zeit verrinnt!
Gespielt wird dann übrigens die neunte von Mahler.

Anmerkungen:
[1] Kanada und USA rechnen mit einer Zunahme der radioaktiven Belastung ihrer pazifischen Küsten bis mindestens 2016.
[2] Zahlende Gäste waren auch zugelassen.