Bezwinge das Grosse so lange es noch klein ist

Samstag Abend in Herxheim / Pfalz, also im Theatersaal von Chawwerusch. Gerade noch einen Platz ergattert für die Abendvorstellung von Braun werden. Die acht Leute hinter mir werden wieder nach Hause geschickt und auf einen anderen Tag vertröstet. Ausverkauft! Wie ist das möglich bei einem Thema vor dem sich jedeR drückt und gerne wegschaut? Ohne Chance auf Quote – wenn wir den Medien glauben.
Das von den jungen Schauspielenden der Expedition Chawwerusch [2] gewählte Plot von Michael Bauer hatte es auch theaterintern nicht leicht. Und doch entschied sich das Kollektiv gegen die scheinbaren finanziellen Zwänge, für das heisse Eisen, das keiner gerne in der Hand hat, geschweige denn in den Mund nimmt: Rechtsradikale in Deutschland.
Die Familie ist die Keimzelle des Faschismus. Dieser Satz trifft Heute genauso wie vor 85 Jahren. Ohne den Beitrag von Frauen gibt es keine gesellschaftliche Entwicklung. Vielleicht halten Männer ihre Glatzen hin, aber die Strippen an denen die Glatzen hängen ziehen traditionell Frauen. Das macht Regisseurin Esther Steinbrecher [1] nicht nur mit der Besetzung deutlich: zwei Frauen, ein Mann. Der inszenierte Tanz durch das Familienidyll zeigt es uns überdeutlich.
Humor als Werkzeug gegen die Humorlosigkeit der Hassprediger und Menschenmörder? Natürlich ist die rechte Szene nicht humorlos: da gibt es die Schadenfreude genauso wie die Herabwürdigung. Was aber einen echten Schmäh [Humor – 4] ausmacht sind Selbstironie und Rollenambiguität. Das ist Kultursache. Was einem IS oder einer AfD fehlt ist die Fähigkeit über sich selbst zu lachen, andere immer noch sympathisch und nah zu finden wenn man über sie lacht.
Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe,… Die Komödie ist eine Mausefalle, in die das Publikum immer wieder gerät … könnte nach Dürrenmatts Dramentheorie [5] gefolgert werden. Aber das Publikum fühlt sich nicht in der Mausefalle. Besonders der Schluss von Braun werden verdeutlicht das: Da klappt nichts zu und klemmt. Da bleibt kein Scharz-Weiss-Bild stehen. Wer die Welt in Gute und Böse aufgeteilt haben möchte, hat das Denken der Schmähstaaten [Humorlosen – 4] noch nicht verlassen.
Die Vielschichtigkeit des Stückes, mit seinen ungezählten versteckten Ostereiern aus der realen NSU-Tragödie der deutschen Ermittlungsbehörden von Heute, bleibt dem unwissenden Wiener [4] glücklicherweise zum Nachlesen erspart. Auch ohne Vorbereitung ist das Stück voll geniessbar. Bei aller Schwere des Themas bleibt es immer leicht und flott genug um es zu besuchen oder nach zu inszenieren [3]. Das Publikum hat recht.

Anmerkungen:
[1] Esther Steinbrecher ist Regisseurin und Autorin der kippenden Komödie.
[2] Stephan Wriecz und Miriam Grimm; Gast: Monika Kleebauer.
[3] Das Stück wurde für das Ensemble geschrieben, lässt sich aber auch in anderen Ländern unterhaltsam inszenieren. Das Skript liegt bei Chawwerusch.
[4] Nikkolo Feuermacher sendet aus Wien.
[5] Friedrich Dürrenmatt, Theaterproblem, Neuenburg / Schweiz, 1955

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