Archiv für Diaspora

Sprechen und Musizieren

Posted in Miettext with tags on 7. Oktober 2015 by Nikkolo Feuermacher

Kennen Sie den?
Treffen sich drei Pälzer.
Und was kommt raus?
Weltunnergangsblues.

Blues ist keine Musikform sondern ein Universum. In diesem gibt es eine neue Formation:
Michael Bauer, Hans Reffert und Wolfgang Schuster (in alphabetischer Reihenfolge), die ihren Platz im Koordinatensystem suchen:
Missouri anno 1903 – ich will ein Bluessänger sei„?
1926er Talking Blues oder Sprechgesang in der Tradition eines Fred Schneider?
Nachkriegsgeneration 1945-plus, die sich lieber nach Amerika als nach Deutschland träumt?
Drei Blues-Männer, die ihren Jahrgang nicht nennen wollen wie ZZ Top?
Der ultimative Seelenentsafter, an ihm verzeifelt der Blueswissenschaftler.

Der Blues hat seine Ordnung (wie die Provinz und die Idylle) in erster Linie um zu bemerken wann sie verlassen wird. Und sie wird auf der CD immer wieder gerne verlassen – um wieder zurückzukehren. Michael Bauer nimmt respektlos liebevoll alle möglichen Wörter in den Mund. Hans Reffert und Wolfgang Schuster wechseln die Gitarren wie die Hemden. Wenn getanzt wird dann langsam um nicht aus dem Grübeln zu kommen.

Hinter jedem Männerblues steht eine Frau und so stehen auf dem Beipackzettel auch drei Frauen:
Elisabeth Schuster als Rhythmusmagd á la Meg White,
Tanja Strauch den Mund voller Gaulswürscht
und Monika Kleebauer als Textlektorin.
Um auch diese Ordnung zu brechen spielt Rainer Körber auf der Platte Didgeridoo.

Musiktheater für den Kopf. Wunderbar unordentlich.

Man kann sich mit ihnen freuen und gratulieren“ sagt meine Frau.

Wo nicht anders angegeben: alle Zitate Michael Bauer.
Text für die CD Weltunnergangsblues, 2015 bei musiker.de

Willkommen ihr Träumer

Posted in Miettext with tags on 17. September 2015 by Nikkolo Feuermacher

Willkommen ihr Träumer!
Ihr Träumer, die ihr nicht damit zufrieden seid wie ihr leben sollt, die ihr eine bessere Zukunft für euch, euere Kinder, Enkel und Freunde erträumt. Die ihr euer Leben aufs Spiel setzt für diesen Traum. Die ihr intelligent und geschickt Grenzen überwindet, immer wieder neue Wege findet, zu uns. Die ihr den Menschen hier die einfache und direkte Möglichkeit gebt sich als hilfreich, sinnvoll, helfend, unterstützend zu erleben. Die ihr den Traum ermöglicht: ich helfe Menschen, die wirklich in Not sind, und kann analog zusehen wie es ihnen besser geht. Sie werden satt und lächeln ohne dass ein Bildschirm dazwischen ist.

Willkommen ihr Träumer in Europa.
Ihr träumt von einem Europa, das es nicht gibt; und das bringt Euch ganz in die Nähe zu uns: wir haben bis jetzt auch von einem Europa geträumt, das es nicht gibt: ein Europa, das die universellen Menschenrechte ernst nimmt, dauerhaften Frieden zwischen Menschen schaffen möchte und sich dem säkularen Humanismus verpflichtet fühlt. Das Europa der Denker, Freiheitshelden und Träumer.

Willkommen ihr Träumer,
wir erwarten viel von Euch. Wenn ihr erst einmal mit uns sprechen könnt und das Spiel hier durchblickt (was Euch leichter fallen wird, denn ihr kommt ja von Aussen), erwarten wir eure Hilfe. Eure Hilfe beim Träume umsetzen. Wir haben es nur gerade eben so weit geschafft wie ihr seht. Von den Träumern aus der ehemaligen DDR hatten wir uns auch viel erwartet: eine sozialistische Perspektive wenigstens. Und die Träumer von damals haben nach dem Ankommen auch einiges bewegt*: den ersten weiblichen Kanzler der Bundesrepublik, eine landesweite Debatte über Kindergartenplätze, die provisorische Abschaffung der Wehrpflicht und eine Partei links der bisherigen linken Partei, die zu den Wahlen zugelassen ist.

Willkommen ihr Träumer,
ihr könnt uns und unserer Gesellschaft neue Impulse geben. Vielleicht gelingt es uns jetzt den Einfluss von Religion auf Gesetze und öffentliche Einrichtungen tatsächlich abzuschaffen? Vielleicht gelingt es uns anderen gemeinsamen Werte als der Profitmaximierung zu folgen? Bestimmt habt ihr eure eigenen Träume. Gerne würde ich euch gleich das aktive und passive Wahlrecht in Aussicht stellen, aber auf Grund des demokratischen Chaos in Europa habe ich als Europäer selbst gerade kein Wahlrecht in meinem Aufenthaltsland. Auch das könnten wir gemeinsam ändern. Als Migrant sage ich Willkommen ihr Migranten.

Willkommen ihr Träumer,
hier ist der Ort auf dem Globus wo sich heute die Träumer versammeln. Willkommen, die ihr kommen wollt. Kommet zu Hauf.

 

*Die nun folgende Bezüge sind aus der Perspektive der Bundesrepublik Deutschland (dem Zielort des Grossteils der aktuellen Flüchtlinge). Ich bitte die LeserIN die Bezüge zum eigenen Aufenthaltsort landesspezifisch selbst herzustellen und per Kommentar zu hinterlassen. Danke.

Ist ein besseres Leben erlaubt?

Posted in Miettext with tags on 13. September 2015 by Nikkolo Feuermacher

Einige Südamerikaner sind unglaublich anregend mit der Idee des buen vivir: das Ziel des Lebens, Ziel einer Gesellschaft wäre es: gut zu leben. Anstatt Geld, Gegenstände oder Macht zu sammeln. Gut zu leben statt zu überleben. Da können viele Menschen gut mitgehen. Fast könnte man meinen alle wären einverstanden.

Einige Menschen auf unserem Planeten leben noch nicht gut. Für die bedeutet das Ziel gut zu leben auf jeden Fall besser zu leben als sie jetzt leben.
Einige Menschen auf der Welt gehen zu Wahlen und versprechen sich mit der Abgabe ihrer Stimme dafür zu sorgen, dass es besser wird. Sie erwarten nach ihrer Wahl besser zu leben als vorher. Andere gehen nicht zur Wahl sondern rennen bewaffnet herum. Wahrscheinlich auch mit dem Ziel, dass sie irgendwann besser leben.

Jetzt sagt Viktor Orban [Regierungschef in Ungarn, 12.09.2015]: Es gibt kein Grundrecht auf ein besseres Leben.
Was will er uns sagen, mit dem, was er da laut in ein Mikrofon spricht?
Dass das ganze menschliche Streben nach einem besseren Leben illegal ist?
Dass er nicht dafür verantwortlich sein will, dass Menschen besser Leben, selbst wenn sie ihn gewählt haben?
Dass man vor einem Gericht (z.B. in Ungarn) nicht einklagen kann, dass man besser lebt als vorher?
In Ungarn leben einige Menschen viel besser als andere. Sollten diejenigen, die schlechter leben als die, die besser leben, kein Recht haben sich zu beschweren? Vielleicht ist das seine Aussage? Diejenigen, die in Ungarn besser leben, würden das sicherlich sofort unterschreiben und ihn zu dem Zwecke zu ihrem Vertreter wählen.

Aber er spricht die Worte nicht nur zu seinen WählerINNEn, sondern auch zu seinen NachbarINNEn, die ihn gar nicht gewählt haben oder wählen würden.
Was will er den NachbarINNEn sagen?
Hört auf von einem besseren Leben zu sprechen, sonst bringt ihr uns noch auf dumme Gedanken?
Schweigt mit eurem Gerde von einem besseren Leben?
Es sollte verboten sein sich dafür einzusetzen, dass man besser lebt?
Durch mein Land kommt kein Mensch, der besser Leben möchte?

Besser ist ein Wort, das zwingend einen Vergleich braucht. Menschenfreundlich ist es, sich mit sich selbst zu vergleichen: ich lebe Heute besser als Gestern. Aber das meint Herr Orban nicht. Er konkretisiert: Sie [diejenigen, die kein Recht auf ein besseres Leben haben sollen] wollen ein deutsches Leben, vielleicht ein schwedisches [statt der Lebensqualität in einem überfüllten Flüchtlingslager in Nahost]. Er setzt besser leben in Bezug zum Leben der NachbarINNEn. Die NachbarINNEn haben es besser als wir. Die gute alte Neid- und Gier-Karte wird gespielt [die hat nicht nur Herr Orban in der Tasche].

Wir tun kurz mal so als wäre ein deutsches Leben immer gleich viel besser – und vernachlässigen die Realitäten in Deutschland. In den letzten Monaten wurde auf politischer Ebene in Europa viel Aufwand betrieben: um ein griechisches Leben nicht besser werden zu lassen. Das weiss Herr Orban. Und das bedeutet: es gibt politische Möglichkeiten Leben besser oder schlechter zu machen. Wer kein Recht auf ein besseres Leben hat, hat also im Grunde kein Recht auf politische Wirksamkeit. Viele Politiker teilen diesen Wunsch: Niemand ausser mir selbst soll politisch wirksam sein! Aber wenn Menschen das Recht auf politische Wirksamkeit abgesprochen wird, wird aus einer Demokratie eine Diktatur. Und das heisst für die Mehrheit der Menschen schlechter leben. Und schlechter leben will noch nicht einmal Herr Orban, selbst wenn er dieses Ziel ganz leicht christlich unterfüttern könnte.

In der Kammer

Posted in Miettext with tags on 9. September 2015 by Nikkolo Feuermacher

„Ungarn ist die Kammer Europas“ sagt ein französischer Bekannter zu mir. Erst verstehe ich ihn nicht und sage mir: sein schlechtes Deutsch ist Schuld daran. Dann denke ich nach und finde, dass Ungarn auch von anderen häufig als Kammer bezeichnet wird: Schweinefleisch-Kammer für die Genossen, Rindfleisch-Kammer für den Kaiser, Getreide-Kammer für den Soviet. In einer Kammer werden Dinge aufgehoben, von denen man sich verspricht, dass sie einmal gebraucht werden. Vorräte zum Beispiel in der Vorrats-Kammer.
Ungarn ist eines der wenigen Länder Europas in denen Rangabzeichen, Uniformteile, Armbinden etc. aus dem Faschismus nicht illegal sind. Mann kann sich als „Deutscher im zweiten Weltkrieg“ verkleiden und mit anderen Verkleideten spazieren gehen, was auch regelmässig getan wird – in Ungarn. Ungarn ist also auch Kostümkammer für den Faschismus.
Mit etwas Nato-Stacheldraht drumherum wird Ungarn zur Kammer für asylsuchende Flüchtlinge. (Folter-Kammer will ich auf keinen Fall schreiben.)
Rechtlich betrachtet gehört eine Kammer immer jemandem anderen. Eine Kammer gehört nicht sich selbst und macht für sich selbst auch keinen Sinn. Wozu so viel Potential ungenutzt herumliegen lassen, wenn es für die eigene Entwicklung genutzt werden könnte?
Einige prominente Ungarn behaupten: das besondere an ihrer Kultur läge daran, dass Ungarn immer benutzt und benachteiligt worden wäre: vom König, vom Kaiser, vom Führer, von den Soviets, von der EU. Als Kammer missbraucht. Kulturen existieren in der Phantasie derer, die an sie glauben. Es gibt also Ungarn, die sich in einer Kammer leben sehen.
Ich sehe Ungarn ungern als Kammer, lieber als Ort an dem Menschen sich entwickeln.

Social Networks zwischen Freiheit und Kontrolle

Posted in English, Miettext with tags , on 11. April 2011 by Nikkolo Feuermacher

Wenn über Social Networks oder persönliche Profile im Internet gesprochen und geschrieben wird, ist die finsterste Ecke ihrer dunklen Seite die ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten.‘ So eine Sammlung löst Begehrlichkeiten aus, stellt einen strukturellen Machtfaktor und einen Geldwert dar. Doch ‚zentrale Sammlung personenbezogener Daten‘ ist nicht etwas, das die Nutzerin von Social Networks zwangsläufig in Kauf nehmen muss. Datenzentralismus ist ein – von manchen Menschen erwünschtes – Nebenprodukt monopolistischer und kapitalistischer Strukturen. Wer gerne sicher stellen will, ‚den Markt‘ zu führen oder zu beherrschen, wer der ‚Einzige‘, ‚Wichtigste‘, ‚Beste‘, ‚Größte‘ sein muss, wer mit einer Idee schnell viel Geld verdienen will, … dem bleibt als kürzester Weg nur die Erzeugung struktureller Macht. So schaut die gelebte Perspektive von Netzwerkbetreibern – und nicht von Nutzern/Usern aus. Nutzer kümmert es meist wenig, dass ihre Daten zentral zusammen mit den Daten der anderer User gespeichert werden. Sie interessieren sich in der Regel nicht für die Strukturen dahinter, sondern nur für die Benutzeroberfläche. Ursprung des Internets ist die strukturellen Vorgabe, dass Computer in unterschiedlichsten Teilen der Welt miteinander vernetzt sind. Das schafft einen Freiraum, einen schier unkontrollierbaren Kommunikationsfluss. Dieser Freiheitsfaktor macht Diktaturen Sorgen. Das große Unbehagen, welches Freiräume für Kontrollfreaks bedeuten ist auch ein Grund dafür, dass manche Menschen immer über Kinderpornoringe sprechen müssen, wenn es um Kommunikationsfreiheit im Internet geht. Um Kontrolle herzustellen, werden Filtersysteme eingekauft (z.B. in China1 , Qatar2, Oman2, Saudi Arabien2, Kuwait2, Yemen2, Sudan2, Tunesien2) und es werden Möglichkeiten erarbeitet, Teile des Internets abzuschalten (z.B. in Ägypten3, Deutschland4). Wer ein Social Network benutzt, möchte AUCH gerne Kontrolle, allerdings die Kontrolle in den eigenen Händen. Eine autonome Sicherheit die Fotos, Geschichten, Daten beim Profil nur mit den Menschen zu teilen mit denen geteilt werden will. Und User möchten natürlich das Eigentum an ihren Fotos und Geschichten nicht automatisch abgeben müssen. Die Tatsache, dass ein ‚großer Bruder, Papa oder Mama‘ ständig über die Schulter schaut und ’schon dafür sorgt, dass nichts passiert‘ ist für die Benutzeroberfläche nicht gerade sexy.
Ob die großen Brüder dabei als Netzwerkbetreiber das Etikett ‚Jetzt noch sicherer!‘ an ihr Produkt kleben, oder als Fachleute mit Regierungsauftrag Rechtsgüter gegen Wirtschaftsnutzen abwägen, ist dabei beinahe egal.
Auf Grund der beschriebenen Grundstruktur des Internet als Vernetzung vieler unabhängiger Computer, existiert seit der ersten Stunde die Möglichkeit, direkt, d.h. ohne Datensammlung und Zentralismus zu kommunizieren. Eine alternative, weil selbstverantwortliche Benutzeroberfläche für Social Network Fans ist mittlerweile auch auf dem ‚Markt‘ angekommen. Diaspora5 nennt sich das Social Network, an dem vier New Yorker Studenten, Ilya Zhitomirskiy, Dan Grippi, Max Salzberg und Raphael Sofaerxyz, seit 2008 gearbeitet haben und bei dem User/Seeds das übliche Profil anlegen, Fotos veröffentlichen sowie Twitter- und Flickr-Vernetzungen nutzen können. Der Unterschied zu Facebook: Die Daten liegen nicht auf zentralen Computern. Wer immer möchte kann seinen Computer auch als Arbeitsraum, als Freiraum für Kommunikation, mit einbringen. Kein Zentralismus, dem Datensammeln sind Grenzen gesetzt, Selbstkontrolle und Eigentumsrechte der Profil-AutorINNen sind besser gewährleistet.
Dies soll kein Werbetext für Diaspora sein. Ich möchte auch kein Argument dafür liefern, noch mehr Profile im Internet anzulegen. Mir geht es um einen Blick auf Strukturen, auf Freiheit und Kontrolle. Dass zentralisiertes Datensammeln das wirtschaftliche Arbeitsfeld nicht allein von Netzwerkbetreibern, sondern auch z.B. von Suchmaschinen (Google) darstellt, ist eine andere Geschichte.

Fußnoten:
[1In China gilt ab 1.Juli 2009 verpflichtende Filtersoftware für Privat-PCs; „Harmonie als Synonym für Zensur“, taz 26.06.2009]
[2 „West Censoring East: The Use of Western Technologies by Middle East Censors, 2010-2011“ von Helmi Noman und Jillian C. York für die OpenNet Initiative April 2011 >http://opennet.net/west-censoring-east-the-use-western-technologies-middle-east-censors-2010-2011<%5D
[3„Wie Ägypten aus dem Internet verschwand“ Matthias Kremp in Spiegel online 28.01.2011 >http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik<%5D
[4 Zugangserschwerung-Gesetz Entwurf des Bundeskabinetts vom 22. April 2009]
[5 http://www.joindiaspora.com%5D