Archiv für Belletristik

Bonnieren

Posted in Miettext with tags , , , on 16. November 2018 by Nikkolo Feuermacher
bonnierender junger Mensch

Tut mir wirklich leid aber ich kanns nicht bonnieren.

„Oops, das kann ich nicht bonnieren. Sorry!“
ist genau der Satz, der auf den Punkt bringt wo bei uns die Grenze läuft.

Einen Platz in der Stadt besetzen, nachts aufbleiben, im Freien übernachten und viel reden – lässt sich gerade noch bonnieren – so lange alle brav nach Hause gehen wenn der Bürgermeister sagt: „Ab ins Bett Kinder.  – Ihr wisst ja: unsere Polizei kann auch anders – habt ihr doch im Fernsehn schon gesehen wie das aussieht.

Neue Ideen haben, Sachen anders machen – lässt sich bonnieren – so lange Du Dir dafür einen Schreibtisch in einem Grossraumbüro mietest und Dir von der Bank erst mal Geld leihst.

Freche Reden schwingen, Fragen stellen, Worte sagen die nicht so gern gehört werden, Kritisieren – lässt sich bonnieren – so lange Du Dir das bezahlen lässt und dann wenn’s kein Geld mehr gibt beleidigt schweigst.

Der Spass hört dann auf, wenn sich das nicht mehr bonnieren lässt. Wenn in der Software die Variante nicht programmiert ist, die Du gerade machen möchtest.
Wer gut geübt ist im Computerspielen weiss: wenn sich das nicht bonnieren lässt muss ich wo anders den Weg suchen, den die Programmierer für mich vorgesehen haben. Sonst komme ich nicht auf das nächste Level oder verliere meine Credits. Das wichtigste: was ich mache, was ich will, was mich freut – wird bonniert.
Was für einen Sinn soll das alles sonst haben?

Und wer hat dieses Programm eigentlich geschrieben? – Moment das lässt sich nicht bonnieren. Sorry – ich mach Schluss mit dem Text.

Das Mausoleum von Karl dem Grossen in Karlsruhe

Posted in Miettext with tags , on 2. Dezember 2015 by Nikkolo Feuermacher

Wer heute in Karlsruhe auf den Hauptbahnhof im Süden der Stadt zugeht, erhält ein schwaches Bild des Mausoleums, dem die Stadt ihren Namen verdankt. Die grosse, glänzende Fläche, die sich über den Köpfen der Menschen wölbt (nach Plänen August Stürzenackers), deutet auf einer reduzierten Fläche das Ausmass der Grabstätte Karls des Grossen an. Eine Erinnerungsstätte, ähnlich jener der politischer Grössen der Neuzeit wie Mao oder Lenin.

Karl (747 – 814 AD), später Karl der Erste, Charlemagne oder ab 1000 auch „der Grosse“ genannt, war eine politische Größe. In seiner Zeit und weit darüber hinaus Impuls und Vorbild. Durch sein politisches Geschick gelingt es ihm, weite Bereiche des heutigen Europa zu kontrollieren.
Mittels Kriegen versucht er, u.a. die Sachsen zum Christentum zu zwingen (772 – 804), was ihm die Anerkennung und Unterstützung der christlichen Kirche sichert. So krönt ihn Papst Leo der Dritte Weihnachten 800 zum ersten Kaiser seit der Antike.
Er beendet die Selbständigkeit Bayerns (788), und legt mit seinem Markensystem (seit 774) u.a. die Grundidee des Dubliner Übereinkommens der Europäischen Union (1997 ).
Ehe er 814 an einer Blinddarmentzündung stirbt (in manchen Quellen wird eine Vergiftung erwähnt), hat er bereits 786 den Grundstein seines Mausoleums Karls-Ruhe gelegt. Für sein Unternehmen stellt ihm Harun-ar-Raschid (Abbasiden / ‏العبّاسي‎ / al-‘Abbāsīyūn – Kalif, 786 – 809), bewährte Baumeister und Handwerker zur Vergügung, die beim Bau von Bagdad (ab 762) entsprechende Referenzen erworben haben.
Die letzten Jahrzehnte seiner Herrschaft widmet Karl dem Kampf um sein politisches und physisches Überleben in Gesellschaft aggressiver Thronfolger.
781 kann er dem Tod entgehen, indem er seinen Sohn Ludwig zum Mitkaiser ernennt. 792 scheitert Sohn Pippin mit einem Putsch-Versuch. 806 verfasst Karl ein Testament mit einem Reichsteilungsplan (Divisio Regnorum), um die andauernden Streitigkeiten durch ein schriftliches Machtwort zu befrieden.
Bereits in diesen Jahren spielt die Kontrolle seines Grabes eine Rolle im Ringen um Macht und Deutungshoheit.
Karls eigenmächtige Ernennung des Mitkaisers steht dem Interesse des Papstes (Stichwort: einzige Alleinvertretung auf Erden) konträr entgegen. Ebenso Karls Lebenswandel mit zahlreichen, öffentlichen Konkubinaten parallel zur christlich getrauten Ehe. Als er seinen homosexueller Sohn Karl den Jüngeren als Nachfolger vorschlägt, schliesst die Kirche dessen Thronfolge aus. Um die Stimmung zu verbessern, schenkt Karl dem Aachener Dom einen erbeuteten römischen Sarkophag (Proserpina-Sarkophag, 220 AD). Aus dieser symbolischen Geste leitet sich später die irrige Annahme her, Karl wäre im Dom beigesetzt.
Tatsächlich wird Karl 814 in seinem, nach 14-jähriger Bauzeit 810 fertig gestellten, Mausoleum Karls-Ruhe bestattet.
Die Geschichtsschreiber seiner Tage sind jedoch Mönche. Nur sie können schreiben und lesen. So bleibt die Wahrheit über Karls Mausoleum in den kirchlichen Annalen undokumentiert. Weitere Versuche, das Grab Karls nachträglich in den Dom, also unter die Kontrolle der Kirche zu bringen, sind belegt: Etwa die Heiligsprechung Karls 1165 durch Papst Paschalis den Dritten. Friedrich der Erste lässt dazu Gebeine aus der Pfalzkapelle in den Aachener Dom bringen.
1215 legt sein Großenkel Friedrich der Zweite diese Knochen in einen von ihm gestifteten Karlsschrein, um im Deutschen Thronstreit Fakten zu schaffen.

Karls Mausoleum Karls-Ruhe wurde auf der Fläche des heutigen Stadtgebiets des gleichnamigen Ortes erbaut und sollte, wie die Fläche Europas die er beherrschte und auch sein Kaisertum, gigantische Ausmasse haben. Der Ortsteil Karls-Knie-Liege „Knielingen“ ist ein Beleg für das Geschichtsbewusstsein der einheimischen Bevölkerung, in dem sich auch die Opposition zur Kirche ausdrückt. Der widerständige Karl bleibt den Anwohnern seines Mausoleums unvergessen.
1525 schliessen sich die Karlsruher Bauern den Aufständischen in den Bauerkriegen (1524-26) an. 1556 werden die Gebiete wieder christianisiert, diesmal protestantisch.

Ungezählte europäische Kaiser und Könige berufen sich auf Karls Nachfolge und als seine Erben.
1565 verlegt Markgraf Karl der Zweite von Pforzheim seine Residenz nahe an das Mausoleum, um damit die Nachfolge Karls herzuleiten. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wird die Grabstätte jedoch weitgehend zerstört. 1715 will Karl Wilhelm von Durlach die Ruinen des Mausoleums und damit die Nachfolgerschaft Karls für sich in Anspruch nehmen. Sein ehrgeiziger Plan nutzt die Reste des Bauwerkes für eine barocke Planstadt. Von diesem Ort aus gelingt es Karl Wilhelms Erben, die Kontrolle über das Land Baden (bis 1945 selbständig) aufzubauen. Karls-Ruhe ist seit 1950 Bundesgerichtshof des Europäischen Mitgliedsstaates Deutschland.

Karls Mausoleum liegt für die Besuchenden des 21. Jahrhunderts weiterhin wie eine Vision über der Stadt, zwischen Knielingen und dem Hauptbahnhof.