Majestätsbeleidigung

Es sind nicht Löwen beim Paarungsakt, Ameisen beim Transport von Nahrungsmitteln, oder Eingeborene beim Regentanz, die aktuell im Film zu beobachten sind, sondern Politiker beim Politik machen.
Jemand hat auf ihr Habitat eine Kamera mit Mikrofon gerichtet und sie sind tatsächlich gekommen und haben sich gezeigt. So wie sie sind, so wie man sie gerne einmal sehen möchte: ohne Verkleidung, ohne einstudierte Texte.
Die beiden Politiker im Film erklären deutlich und mit verständlichen Worten wie sie Politik machen und erfolgreich sein möchten. Und da der Film schon etwas älter ist erklärt er – im Nachhinein – wie die beiden erfolgreich geworden sind. Denn sie hatten einen riesigen Erfolg. Es wurden tatsächlich Spendengelder eingesammelt, es wurde tatsächlich ein Wahlkampf geführt, tatsächlich hat eine parteinahe Person die Mehrheit an einer österreichischen Zeitung gekauft und dort Personal gewechselt, tatsächlich sind beide in Entscheidungspositionen gewählt worden.
Nichts ist gelogen – endlich einmal – denn die Akteure wussten ja gar nicht, dass ihnen ein Publikum zuschaut. Wahrscheinlich waren sie so offen und eindeutig wie selten – vor Kamera.
Wenn nach der Ausstrahlung ihres Filmes Löwen, Ameisen oder Eingeborene sich auf das Recht auf ihr Privatleben berufen und sich ärgern würden, wäre das verständlich.
Warum einige Politiker und aufgeschreckte Personen in der Dokumentation und Ausstrahlung von praktizierter Politik „ein Attentat“, „eine strafbare Handlung“ oder schlimmeres sehen, ist dagegen schwer verständlich. Politik zu gestalten ist kein privater Geschlechtsakt, sondern etwas, das viele Menschen direkt betrifft und angeht. Menschen, die in einem demokratischen Land leben haben ein Recht darauf zu erfahren wie und warum Politiker (die an der Macht sind und auf die Interessen ihrer Landesbevölkerung eingeschworen sind) welche Entscheidungen treffen – oder nicht treffen.
Wieso wird die Bevölkerung ununterbrochen mit Videokameras im öffentlichen Raum beobachtet, warum werden ihre E-Mails und Telefonate systematisch gespeichert, wenn diejenigen, die das politisch durchsetzen selbst nie gefilmt und beobachtet werden dürften?
Wenn der aktuelle Dokumentarfilm nicht gedreht worden wäre, wüssten wir weniger – und das wäre undemokratisch. Investigativer Journalismus ist wichtiger Teil der Demokratie: Menschen hinter die Kulissen blicken zu lassen, zu zeigen was dahinter steckt. Und gut gemacht ist dieser Dokumentarfilm – er hat kaum Längen.
Das einzige Verbrechen, das den Filmern vorgeworfen werden könnte wäre „Majestätsbeleidigung„. Aber so ein Delikt gibt es in einer Demokratie nicht. Diejenigen, die von der Politik ihrer Partei und ihren Hintergründen ablenken möchten brauchen ein Verbrechen, das grösser ist als das Verbrechen bei dem die Politiker gefilmt wurden.
Leider zu spät (- oder zu früh -) : Wir leben in einer Demokratie und die Macht geht von den Bürgern aus. Eine Majestät, die beleidigt werden könnte, gibt es nicht.

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