In der Kammer

„Ungarn ist die Kammer Europas“ sagt ein französischer Bekannter zu mir. Erst verstehe ich ihn nicht und sage mir: sein schlechtes Deutsch ist Schuld daran. Dann denke ich nach und finde, dass Ungarn auch von anderen häufig als Kammer bezeichnet wird: Schweinefleisch-Kammer für die Genossen, Rindfleisch-Kammer für den Kaiser, Getreide-Kammer für den Soviet. In einer Kammer werden Dinge aufgehoben, von denen man sich verspricht, dass sie einmal gebraucht werden. Vorräte zum Beispiel in der Vorrats-Kammer.
Ungarn ist eines der wenigen Länder Europas in denen Rangabzeichen, Uniformteile, Armbinden etc. aus dem Faschismus nicht illegal sind. Mann kann sich als „Deutscher im zweiten Weltkrieg“ verkleiden und mit anderen Verkleideten spazieren gehen, was auch regelmässig getan wird – in Ungarn. Ungarn ist also auch Kostümkammer für den Faschismus.
Mit etwas Nato-Stacheldraht drumherum wird Ungarn zur Kammer für asylsuchende Flüchtlinge. (Folter-Kammer will ich auf keinen Fall schreiben.)
Rechtlich betrachtet gehört eine Kammer immer jemandem anderen. Eine Kammer gehört nicht sich selbst und macht für sich selbst auch keinen Sinn. Wozu so viel Potential ungenutzt herumliegen lassen, wenn es für die eigene Entwicklung genutzt werden könnte?
Einige prominente Ungarn behaupten: das besondere an ihrer Kultur läge daran, dass Ungarn immer benutzt und benachteiligt worden wäre: vom König, vom Kaiser, vom Führer, von den Soviets, von der EU. Als Kammer missbraucht. Kulturen existieren in der Phantasie derer, die an sie glauben. Es gibt also Ungarn, die sich in einer Kammer leben sehen.
Ich sehe Ungarn ungern als Kammer, lieber als Ort an dem Menschen sich entwickeln.

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