Neulich auf dem Künstler-Strich

Während des vormittäglichen Geschirr-Waschens läuft das Radio:
Musik – Moderation – Musik – Moderatorin:
„… im Rahmen unserer Talente-Börse interviewen wir die Sängerin … “
Das Wort Talente-Börse fährt so ein, dass ich dem Interview nicht mehr folgen möchte.
Was machen denn die Talente da auf der Börse?
Was ist eine Talente-Börse?
Wer handelt da mit wem und was wird gehandelt?
Handeln ist wahrscheinlich ein irreführendes Wort. Handeln könnte ja auch mit aktiv tätig sein verwechselt werden. Aber was auf einer Börse passiert ist ja Kaufen und Verkaufen. Handeln kommt im Zusammenhang mit Börse vom: mit den Händen prüfen, herumreichen, Verkaufsabschluss per Handschlag.
Eine Talente-Börse erscheint vor meinem geistigen Auge wie eine Art Sklavenmarkt auf dem der Nachwuchs gezeigt, angetatscht und angepriesen wird.
„Bei dem jungen Mann ist noch Entwicklung drin. Aus der jungen Frau kann noch etwas werden, wenn …“
„Greifen Sie zu! Prüfen Sie! Alles frisch, unverbraucht und knackig! Da lohnt es sich etwas mitzunehmen!“ rufen die imaginierten Händler und Händlerinnen. Da gibt es sicher – wie anderswo auf den Kunst-, Musik-, Theater-Messen – zentrale grosse Stände mit den hochpreisigen Angeboten und am Rande den billigeren Ramsch oder das Nischenprodukt, das aus einer Nische am Markt heraus verkauft wird.
Hatte denn die Radio Redakteurin oder der Radioredakteur auch dieses Bild vor Augen als beschlossen wurde das Sendeformat Talente-Börse einzurichten? Oder war das der aus Überarbeitung geborene Automatismus? In einer Zeit wo sich niemand mehr wundert wieso eigentlich alles ein Markt sein soll. Wo sogar Länder auf Finanzmärkten gehandelt werden. Wo es quasi einen Strich gibt auf dem sich Länder für InvestorINNen herausputzen und anbieten. Börse / Messe / Markt – daraus besteht unsere Welt – und Schluss.
Wen wundert das?
Wer ist so weltfremd?
Was mich beim Geschirr-Waschen wahrscheinlich aus der Ruhe bringt ist die Tatsache, dass das mit Kunst in Verbindung gebracht wird. Kunst ist für mich immer mit dem Perspektivwechsel verknüpft, den KünstlerINNEN anbieten. KünstlerINNEN suchen Möglichkeiten mit denen die Welt anders gesehen werden kann – neu gesehen werden kann. Ihr Talent ist so gross wie ihre Fähigkeit dieses Angebot zu machen. Und da – in meiner Wahrnehmung von Kunst – bin ich unflexibel, konservativ, traditionell. Wie kann das gehen: dass Kunst (also Musik, Literatur, Film, Theater, bildende Kunst, Tanz, Fotografie, Zeichnung, …) auf einer Börse ist? Also auf dem langweiligsten Allgemeinplatz den man sich im Augenblick überhaupt vorstellen kann. Eine Sendung vom Künstler – Markt? Ich gähne und mache das Radio aus.

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