Konsum und Demo

Printmedium ‚Wiener Wirtschaft‘ vom 2.Oktober 2009: Die Wirtschaftskammerpräsidentin äußert sich kritisch zum Demonstrationsrecht in Österreich. Wer daraus interpretiert: die Wirtschaftskammer wäre eine kriminelle Vereinigung, die die Pflichtbeiträge der UnternehmerINNEN für verfassungsfeindliche Zwecke missbraucht – irrt völlig. Vielmehr ist aus dem Beitrag im Heft ein erhöhter Beratungsbedarf abzulesen. Denn: Demonstrationen auf Hauptstrassen sind nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit Umsatzeinbusen. Heute gibt es ausreichend Erfahrungen und Untersuchungen zum Demonstrationsverhalten von Menschen. Reine Berufsdemonstranten sind selten geworden. Heute sind Demonstranten meist Laien. Das heißt: Demonstrationen werden hauptsächlich von Teilzeitdemonstranten in ihrer Freizeit durchgeführt. Selbstverständlich kaufen sie dabei auch ein. Spontane Befragungen in Wien (2008/9) ergaben, dass einige DemonstrantINNen während der Demonstration kurz einkaufen, und einige auf der Strecke schon ihr Lieblingsgeschäft entdeckt hätten. Letzteres ist die logische Konsequenz aus der Blickrichtung bei Demonstrationen: Anders als bei Sportveranstaltungen oder Paraden auf öffentlichen Strassen, geht der Blick der Menschenmenge nicht vom Straßenrand auf die Verkehrsfläche, sondern von der Verkehrsfläche auf den Straßenrand, d.h. auf die Fassaden und Geschäfte. Für clevere und gut beratene GeschäftsinhaberINNEN ergibt sich eine bislang ungenutzte Chance: durch beherzte Dekoration die Möglichkeit neue KundINNen zu gewinnen und in Presse oder Fernsehen (ohne Anzeigenkosten) Präsenz zu zeigen. DemonstrantINNen sind keine Konsumverweigerer. Selbst die Aktivitäten zum weltweiten Buy-Nothing-Day (in Europa der letzte Samstag im November) führten seit 1992 zu keinerlei Umsatzeinbusen.
Die Plazierung des demonstationskritischen Beitrages in der ‚Wiener Wirtschaft‘ zeigt zudem, dass es hier nicht um politische Agitation handeln kann: VOR dem Beitrag zum Versammlungsrecht findet sich das ‚Pro- und Kontra zur Ausbildung als Bürohund‘ (S.23).

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