Beenden lernen

Mein alter Vater hat mir eine Gitarre überreicht, die er lange konserviert hat: ‚Die ist sehr wertvoll, vielleicht kannst Du sie brauchen oder kennst jemanden, …‘
Heute sitze ich am Ofen und hinter einer kleinen, rußigen Scheibe sehe ich die Gitarre brennen. Eine Stunde Feuer, eine Stunde Wärme um die frisch gewaschene Kleidung meiner Tochter und von mir zu trocknen – und etwas zu räuchern. Neben dem Ofen, Holzstücke nachlegend, sitze ich und stopfe Wollsocken. Wahrscheinlich bin ich in einer falschen Zeit. Wer tut in diesem Land solche Dinge? Wo es doch kommerzielle Müllabfuhr gibt, ebay, Wäschetrockner und einen Handel der beständig greint weil so wenig neu gekauft wird?
Im Bauch der Gitarre, dort wo sonst ein Zettel mit Nummer oder der Firma des Gitarrenbauers klebt, konnte man einen kurzen Text lesen: ‚Diese Gitarre kommt von Georg Hartung. Bei einem Fliegerangriff 1944 in der Engelstraße hat ein Bombensplitter die Decke durchschlagen.‘
Die Gitarre hat also eine Geschichte: Hat da ein Junge eine neue Wandergitarre bekommen um an den Lagerfeuern der Hitlerjugend das Volksgut zu begleiten? Er hat sich sicherlich sehr gefreut und war stolz. Wahrscheinlich konnte die Gitarre gar nichts dafür, dass sie in genau dieser Zeit in Deutschland gebaut wurde: nicht als Konzertgitarre sondern als kleines leichtes Instrument um Wanderungen und Ausflüge zu begleiten. Eine Idee der Wandervogel-Bewegung? Hat vielleicht doch nichts mit dem Faschismus zu tun. Aber gibt es etwas aus der Zeit knapp vor 1944, das die Chance gehabt hätte nichts mit dem Faschismus zu tun zu haben? Da war ein Markt für Wandergitarren. Und da war die Menschenverachtung und dann war da der Krieg. Und der Junge ging brav in den Luftschutzkeller – ohne Gitarre, denn das hat man bei den Luftschutzübungen gelernt: nur ganz wenig und nur das wichtigste in den Keller mitnehmen. Zum Beispiel etwas an dem der Name der Leiche identifiziert werden konnte.
Als der Junge wieder aus dem Keller kommt, hat es in der Nähe eingeschlagen – es brennt – Menschen sind in Panik – und die Gitarre ist noch da. Aber sie hat in der Decke ein Loch. In der wunderbar glänzenden, nagelneuen Gitarrendecke. Sie klingt aber noch und lässt sich spielen, neu stimmen und spielen. Sie hat den Bombenangriff überlebt – so wie der Junge selbst – und außer einem Mal, dass diesen Angriff und diese Verletzung für immer dokumentiert, ist sie unversehrt. Jetzt könnte ich etwas über die Unsterblichkeit der Musik und deren Universalität schreiben, aber das hätte nichts mit dieser konkreten Gitarre, diesem konkreten Jungen und dieser konkreten Geschichte zu tun.
Als der Junge – der Mann – der Senior – der Rentner – sein eigenes zeitliches Ende kommen sieht – Jahrzehnte später – , soll die Gitarre ihn überleben. So wie sie den Bombenangriff überlebt hat, soll sie auch seinen Tod überdauern. Der Freund und Kollege überreicht das Saiteninstrument meinem Vater, mit dem Versprechen dieses Relikt des Bombardements zu bewahren. Als Musiker bekannt, scheint mein Vater der richtige für diesen Dienst zu sein. Allein, auch der Vater wird alt und die Reliquie lastet irgendwann auf ihm. So viele Gegenstände sind gesammelt und wer wird die dann aus der Wohnung tragen, wenn er aus der Wohnung getragen wurde? Wo kommen die alle hin? In einen Sperrmüll-Kontainer? In ein Antiquitätengeschäft? In ebay? Damit die Geschichte zur Gitarre nicht verloren geht, wird sie eingeklebt. Und damit wird aus der Gitarre etwas anderes als meine Socke, die ich gerade stopfe. Sie ist zwar auch gestopft, aber nicht mehr bloß ein Instrument. Ich – als avisierter Reliquienträger, aufgefädelt in der Reihe der Tradition – kann sie nicht mehr einfach den Kindern der nahen Grundschule schenken – zum Spielen. Weil die Geschichte zur Gitarre auf jeden Fall überleben soll, überlebt die Geschichte die Gitarre. Ich bewahre die Geschichte, die weniger Platz in meinem Leben einnimmt.
Das Holz ist fast verbrannt, ich lege noch eine Schaufel Nadeln vom Weihnachtsbaum des letzten Jahres nach. Es raucht und riecht.
Der Papiersack in dem ich mein Holz transportiere hat ein Loch. Soll ich das kleben?

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